
„Ich glaube, man merkt mir was Fremdartiges an“, sagt Freud am Anfang der Arte-Dokumentation von Yair Qedar, „Outsider. Freud“, aus dem Jahr 2025. Der Film handelt nicht nur von einer Persönlichkeit, er hat selbst eine, so kann man das Fremdartige vertrauensvoll in den Blick nehmen. Normalerweise – und wie der Film zitiert, niemand ist normal – strengt man sich an, sich das Fremdartige vertraut zu machen. Dann wäre es nur eine Anmutung gewesen, etwas, was zum Verschwinden gebracht werden kann, Gott sei Dank. Freud stellt sich dem Sachverhalt.
Würde Freud das Fremdartige nicht anhaften, könnte man es ihm nicht anmerken. Es muss sich um etwas handeln, das nicht anzuerkennen, wie man so sagt, „auch keine Lösung ist“. Geht man in der gewöhnlichen Weise damit um, indem man tüchtig redet und so die Oberhand behält, dann geht das Gefühl wieder weg, dass da „was Fremdartiges“ ist. „Die Eigenart der Psychoanalyse“, den Titel von Frank Grohmanns Buch über „Freuds Wissenschaft vom Unbewussten“, darf man programmatisch verstehen: Will man von der Psychoanalyse profitieren, kommt man an ihrer Eigenart nicht vorbei. Im Gegenteil, man muss sich ihr stellen. Man muss sie erfassen, muss ihr gerecht werden wollen.
Je mehr Freud sich in seine Wissenschaft einarbeitete, desto fremdartiger wurde er für seine Umgebung; im Vokabular von eben: desto wesentlicher wurde die Anmutung. „Ist schon eigenartig“: Eine Bemerkung, die zum Nachdenken animiert, wird in der zweifelhaften Spielart des angewandten Denkens eine unverhohlene Drohung. Besser, also, sich die Interpretation der Eigenart nicht aus der Hand nehmen zu lassen, sondern die ihr eigene Dynamik vom Beiläufigen zum Wesentlichen zu begreifen, geht es im „Fremdartigen“ doch nicht länger bloß um ein Wie, sondern darum, dass es ein Was ist. Solange man das übersieht, und das heißt: meistens, ist man zwar vernünftig, aber immer auch ein wenig verblendet.
Mit der Schere fotografieren
Vielleicht rührt das Talent der Bilder, Fremdartigkeit der Wahrnehmung zugänglich zu machen, daher, dass sie, selbst wenn sie alles „kaputtmachen“, den Sprung vom Ausdrücken zum Auflösen immer nicht schaffen. Längst suchen sie ja eine andere Lösung statt der gewohnten, sich das Fremde anzueignen, es in den Blick zu nehmen; da wir schon einmal bei den Bildern sind, damit man es sieht. Collagen, dies der Eindruck, den die Bilder von Andreas Bratz – einem für die, die mit der Kunst von Andreas Galling-Stieler vertraut sind, verfremdenden Alias − vermitteln, sind nicht nur besonders geeignet, sondern wie mit dem Auftrag versehen, dem Fremdartigen der eigenen Person durch ein Spiel mit den Bestandstücken der Wirklichkeit, dem Fremdartigen der Wirklichkeit durch ein konträres Spiel mit den Bestandstücken der Person zu einem angemessenen Ausdruck zu verhelfen, damit zugleich das „grundständig“ Abstrakte des Gefühls, das „grundständig“ Intellektuelle der Subjektivität deutlich zu machen. Dabei tut er nach seiner Selbstbeschreibung doch nichts anderes, als dass er die „Fotos anderer“ zerschneidet – er nennt es „mit der Schere fotografieren“ − und die „Schnipsel mit den Händen fügt, um sie dann mit einem Klebestift zu fixieren“.

Lesen, doziere ich für mich, ist progredient. Kein Mensch will bei Seite 27 stehenbleiben, wenn er weiß, dass noch 180 Seiten folgen. Bilder betrachten ist iterativ. Man will vor- und zurückgehen, hin- und herblättern dürfen. Bei den Bildern von Andreas Bratz kommt ein serielles Moment hinzu, das ihnen nicht nur inhärent, sondern ihr Prinzip ist. So können sie nicht nur gelesen werden „wie ein Buch“, sondern beziehen sich aufeinander, schlagen im gleichen Takt, pflegen einen eigenen Umgang. Der funktioniert, würde ich behaupten, auch wenn das Buch unaufgeschlagen ruht. Selbst dann tut sich was, wenn auch nicht in der Chaplinesken Weise der „Modern Times“, die die Kinowerbung der Berliner U-Bahn ihren Kunden seit Jahren über den schläfrigen Sehsinn als die Grundbewegung der industriellen Gesellschaft einimpft, sondern in einer eigenen. Unmöglich auch bei Andreas Bratz, die Bilder anzuschauen, ohne selbst in Bewegung zu geraten, um nicht zu sagen: ein wenig als Bild zu empfinden. Das wirkt auf die Fremdartigkeit ein: Im Hinschauen wird sie vertraut, im Umblättern stellt sie sich wieder her. Um diesen Mechanismus zu erleben, der eher süchtig macht, als dass er verständlich würde, schlage ich die Seiten eine nach der andern um.
„Seelenwesen reden“: Das Unerhörte, das der Titel beschwört, wird von Bratz, alles andere als in ironischer Brechung oder in metaphysischer Überhöhung, als ein simpler Vorgang beschrieben. Je einfacher er in seinem handwerklichen Sosein ist, umso hermetischer ist er in seinem sprachlichen Bezug. Die „kurzen Texte“, Haikus, die den Bildern beigegeben, aus ihnen geschöpft sind, sind ihnen, so kommt es mir vor, im „Gattungssprung“ gegenübergestellt als ein Zeugnis der stummen Sprache gegen das beredte Schweigen der Bilder. Man kann es auch so auslegen: Im Konzert der Stummen reden sie mit.
Dieser Text von Ilse Bindseil ist ursprünglich auf der Website Bruchstücke –Blog für konstruktive Radikalität erschienen.
