Unmut hat heute das Zeug, zum German Mut zu werden – wir Deutsche streiten dieser Tage öffentlich meist arg glück- und freudlos. Denn statt als Demokrat:innen stolz darauf zu sein, geht’s vielmehr um rote Linien, Mauern, Unworte. Da ist viel Wut statt Ermutigung, das gemeinsam anzugehen, was ansteht in Zeiten von Krieg und Klimakatastrophe. So hat sich die Redaktion zunächst selbst Mut machen müssen und dann den von ihr eingeladenen Autor:innen auch, es einmal selbst auszuprobieren: Mutige Worte. Mit dem Unmut ists nun ähnlich wie mit dem Unbewussten – steckt doch hinter dem »Un« das Bewusste.
„Ich glaube, man merkt mir was Fremdartiges an“, sagt Freud am Anfang der Arte-Dokumentation von Yair Qedar, „Outsider. Freud“, aus dem Jahr 2025. Der Film handelt nicht nur von einer Persönlichkeit, er hat selbst eine, so kann man das Fremdartige vertrauensvoll in den Blick nehmen. Normalerweise – und wie der Film zitiert, niemand ist normal – strengt man sich an, sich das Fremdartige vertraut zu machen. Dann wäre es nur eine Anmutung gewesen, etwas, was zum Verschwinden gebracht werden kann, Gott sei Dank. Freud stellt sich dem Sachverhalt.
Würde Freud das Fremdartige nicht anhaften, könnte man es ihm nicht anmerken. Es muss sich um etwas handeln, das nicht anzuerkennen, wie man so sagt, „auch keine Lösung ist“. Geht man in der gewöhnlichen Weise damit um, indem man tüchtig redet und so die Oberhand behält, dann geht das Gefühl wieder weg, dass da „was Fremdartiges“ ist. „Die Eigenart der Psychoanalyse“, den Titel von Frank Grohmanns Buch über „Freuds Wissenschaft vom Unbewussten“, darf man programmatisch verstehen: Will man von der Psychoanalyse profitieren, kommt man an ihrer Eigenart nicht vorbei. Im Gegenteil, man muss sich ihr stellen. Man muss sie erfassen, muss ihr gerecht werden wollen.
Je mehr Freud sich in seine Wissenschaft einarbeitete, desto fremdartiger wurde er für seine Umgebung; im Vokabular von eben: desto wesentlicher wurde die Anmutung. „Ist schon eigenartig“: Eine Bemerkung, die zum Nachdenken animiert, wird in der zweifelhaften Spielart des angewandten Denkens eine unverhohlene Drohung. Besser, also, sich die Interpretation der Eigenart nicht aus der Hand nehmen zu lassen, sondern die ihr eigene Dynamik vom Beiläufigen zum Wesentlichen zu begreifen, geht es im „Fremdartigen“ doch nicht länger bloß um ein Wie, sondern darum, dass es ein Was ist. Solange man das übersieht, und das heißt: meistens, ist man zwar vernünftig, aber immer auch ein wenig verblendet.
Mit der Schere fotografieren
Vielleicht rührt das Talent der Bilder, Fremdartigkeit der Wahrnehmung zugänglich zu machen, daher, dass sie, selbst wenn sie alles „kaputtmachen“, den Sprung vom Ausdrücken zum Auflösen immer nicht schaffen. Längst suchen sie ja eine andere Lösung statt der gewohnten, sich das Fremde anzueignen, es in den Blick zu nehmen; da wir schon einmal bei den Bildern sind, damit man es sieht. Collagen, dies der Eindruck, den die Bilder von Andreas Bratz – einem für die, die mit der Kunst von Andreas Galling-Stieler vertraut sind, verfremdenden Alias − vermitteln, sind nicht nur besonders geeignet, sondern wie mit dem Auftrag versehen, dem Fremdartigen der eigenen Person durch ein Spiel mit den Bestandstücken der Wirklichkeit, dem Fremdartigen der Wirklichkeit durch ein konträres Spiel mit den Bestandstücken der Person zu einem angemessenen Ausdruck zu verhelfen, damit zugleich das „grundständig“ Abstrakte des Gefühls, das „grundständig“ Intellektuelle der Subjektivität deutlich zu machen. Dabei tut er nach seiner Selbstbeschreibung doch nichts anderes, als dass er die „Fotos anderer“ zerschneidet – er nennt es „mit der Schere fotografieren“ − und die „Schnipsel mit den Händen fügt, um sie dann mit einem Klebestift zu fixieren“.
Lesen, doziere ich für mich, ist progredient. Kein Mensch will bei Seite 27 stehenbleiben, wenn er weiß, dass noch 180 Seiten folgen. Bilder betrachten ist iterativ. Man will vor- und zurückgehen, hin- und herblättern dürfen. Bei den Bildern von Andreas Bratz kommt ein serielles Moment hinzu, das ihnen nicht nur inhärent, sondern ihr Prinzip ist. So können sie nicht nur gelesen werden „wie ein Buch“, sondern beziehen sich aufeinander, schlagen im gleichen Takt, pflegen einen eigenen Umgang. Der funktioniert, würde ich behaupten, auch wenn das Buch unaufgeschlagen ruht. Selbst dann tut sich was, wenn auch nicht in der Chaplinesken Weise der „Modern Times“, die die Kinowerbung der Berliner U-Bahn ihren Kunden seit Jahren über den schläfrigen Sehsinn als die Grundbewegung der industriellen Gesellschaft einimpft, sondern in einer eigenen. Unmöglich auch bei Andreas Bratz, die Bilder anzuschauen, ohne selbst in Bewegung zu geraten, um nicht zu sagen: ein wenig als Bild zu empfinden. Das wirkt auf die Fremdartigkeit ein: Im Hinschauen wird sie vertraut, im Umblättern stellt sie sich wieder her. Um diesen Mechanismus zu erleben, der eher süchtig macht, als dass er verständlich würde, schlage ich die Seiten eine nach der andern um.
„Seelenwesen reden“: Das Unerhörte, das der Titel beschwört, wird von Bratz, alles andere als in ironischer Brechung oder in metaphysischer Überhöhung, als ein simpler Vorgang beschrieben. Je einfacher er in seinem handwerklichen Sosein ist, umso hermetischer ist er in seinem sprachlichen Bezug. Die „kurzen Texte“, Haikus, die den Bildern beigegeben, aus ihnen geschöpft sind, sind ihnen, so kommt es mir vor, im „Gattungssprung“ gegenübergestellt als ein Zeugnis der stummen Sprache gegen das beredte Schweigen der Bilder. Man kann es auch so auslegen: Im Konzert der Stummen reden sie mit.
Aus dem Editorial von Andreas Galling-Stiehler, Elisabeth von Haebler und Jürgen Schulz:
Wie klingts in diesen rauen, lauten Zeiten, wie klang es vorher? Was machen die, die am Wohlklang arbeiten und wie geht es ihnen damit? Seit langer Zeit waren wir als Redaktion nicht so ratlos und so sehr angewiesen auf den Rat und das Erzählen derjenigen, die als Profis Klang erzeugen, hören, schreiben, zeichnen. Drum sind es auch für uns außergewöhnlich viele Interviews geworden. Und die eine Partitur für dieses Heft fehlt auch – keine eine Tonart! Unser Heft ist eher ein Mixtape mit 27 Titeln geworden – eins wie in den 1980er Jahren, in denen sich Boomer damit Geschenke für den Walkman machten. Dabei nahmen sie entweder Hits von LPs oder aus dem Radio auf Kassette auf. Das ist auch unser Heftkonzept geworden.
Und er war viel mehr als all dies. Dabei nahm er sich immer Zeit für gute Gespräche, besonders, wenn es um Ideen ging, die Zünder für sinnvolle Projekte waren. In eines dieser Projekte geriet ich unversehens, als ich ganz am Anfang meiner Laufbahn als Hochschullehrer war. In der zweiten oder dritten Sitzung meines ersten Seminars an der Frankfurter Uni – es ging um Walter Benjamin, dem Eberhard manchmal verblüffend ähnlich sah – saßen ein paar junge Leute, die sehr wichtig aussahen. Danach kam einer von ihnen auf mich zu und überrumpelte mich in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, sprach er von einer Kulturzeitschrift, die jetzt gegründet werde. Und zwar mit mir als Redaktionsmitglied: »Ästhetik und Kommunikation«. »Aha, aber…« darauf ging er gar nicht ein. Redaktionssitzung immer freitags um 16 Uhr, also übermorgen in der Unterlindau im Frankfurter Westend.
Lesen Sie den vollständigen Text von Heiner Boehncke hier als PDF – ursprünglich erschienen in der Ausgabe 196/197.
Mit über 230 Collagen lässt Andreas Bratz die Wesen sprechen, die in seinen Fotografien mit der Schere auftreten. Er zerschneidet Fotos von äußeren Räumen und erhält so Bilder der Innenräume seines Seelenkastens, die er in den Fotos anderer gesehen hat. Er entwickelt sie, indem er die Schnipsel mit den Händen fügt, um sie dann mit einem Klebestift zu fixieren. Die dabei entstehenden Räume bevölkern sich dabei immer mit Wesen, die in Haikus zu Wort kommen.
Seelenwesen reden (gebunden 248 Seiten) ist in der edition ästhetik & kommunikation erschienen und wurde von Kathi Siebenhandl gestaltet. Der Bildband ist ab dem 20. Oktober 2025 für 38 € im Buchhandel mit der ISBN 978-3-911752-02-2 erhältlich oder kann direkt über unsere Website bestellt werden.
»Das Thema ›Identität‹ hat Identitätsschwierigkeiten.« Mit diesem Satz beginnt der Skeptiker Odo Marquard seinen Aufsatz über Identität mit dem bemerkenswerten Untertitel »Schwundtelos und Mini-Essenz«. In Aussicht des Millenniums wurde dazu der Aphorismus panta rhei – dass alles fließt bzw. im Fluss ist – auf die Identität gemünzt. Nachdem das erste Viertel des 21. Jahrhunderts verflossen ist, lässt sich konstatieren, dass die Fließgeschwindigkeit eher zugenommen hat. Es wandelt und transformiert sich, dass wir kaum noch mitkommen. Klima, Industrie, Ökonomie, Politik, Demokratie, Geschlecht und Zugehörigkeit, um nur einige Stichpunkte zu nennen.
Je moderner die Welt verfließt, desto größer scheint der Bedarf sich festzuhalten an vormodernen Rettungsringen mit vernunftsicheren und aufklärungsfesten Aprioris und Essenzen. Anlass für Aufklärung, den vermeintlichen Rettungsring Identität unter die Lupe zu nehmen und damit nach Verbindendem und Trennendem, Ganzem und Nichtganzem, Zusammenhängendem und Auseinanderstrebendem, Einklang und Missklang, Teil des Ganzen und pars pro toto zu forschen.
Ein Auszug aus dem Editorial von Elisabeth von Haebler:
Grenzen umfassen und grenzen ab – Räume, Gemeinschaften, Kulturen. Immer gibt es ein Innen und ein Außen, gibt es Dazugehörigkeit und Fremde. Das schafft seit Menschengedenken, in den letzten Jahrzehnten aber in einem bislang nicht gekannten Maße, Lebenserfahrungen der Verstreutheit: Diasporá. In diesem Heft wollen wir solche Erfahrungen und deren Beobachtungen sammeln mit ihren so verschiedenen Ideen, ihren Denk-, Glaubens- und Sprechweisen. Die Diasporá – ein Zustand, der trennt und zugleich verbindet, ein Raum, der zwischen Verlust und Potenzial oszilliert.
Professor Dr. Jürgen Werner Schulz arbeitet seit Jahren mit enzyklopädischer Verve daran, seine Ratlosigkeit auszumessen. Dafür spricht er mit Jeder und Jedem, die ihm dabei helfen, seine eindeutigen Einsichten in Frage zu stellen. Seinen akademischen Rang als Professor für Kommunikationsplanung hat er durch diese fehlende Ehrfurcht vor akademischen Rängen erreicht. Das macht ihn für uns zu einem „Spiritus Rector“ fürs Uneindeutige – ohne Rektorat.
Die Festschrift ist in unserem Verlag edition ästhetik & kommunikation erschienen und für 15 € unter der ISBN 978-3-9822591-9-2 im Buchhandel erhältlich. Sie auch kann über unsere Mailadresse edition at aesthetikundkommunikation.de bestellt werden.
Ein Auszug aus dem Editorial von Elisabeth von Haebler:
Prometheus, der mit dem Feuer spielt, der Zauberlehrling, der mit dem Besen tanzt, die Physiker, die sich im Irrenhaus hinter ihrem Wissen verstecken, 1984 das undurchsichtige Überwachungsmodell von Orwell, vieles wird vergleichsweise herbeizitiert, um KI zu fassen und die Gefahr zu bannen, die von ihr ausgehen könnte. Die Dystopie aus Kafkas Prozess scheint ein solches System zu beschreiben, wie es KI „erschafft“: Ein gigantisches System, in dem weder Angeklagter noch Richter verstehen wie das System funktioniert, noch warum sie tun, was sie tun. Heute in der Zeitung eine Headline „Neues aus dem Seelengenerator“. In Hollywood bestreiken die Schauspieler die Games-Studios. Was bleibt von Darstellern, wenn sie sich digitalisieren lassen? Grundsatzfragen, die für die Redaktion Anlass genug sind sich mit Entfremdeten Intelligenzen zu befassen. Es geht uns nicht um ein Urteil, Fluch oder Segen, sondern um mehr: Das Denken nimmt uns keiner ab, wir suchen nach Schnittstellen, wir beobachten das Verhältnis von Sprache zu Bildern und wir nutzen KI, wir arbeiten zusammen, um das Fremde vertraut zu machen, lassen uns inspirieren und nicht reduzieren auf das Lektorieren von KI-Texten, die syntaktisch überzeugen, aber nicht immer sinnvoll sind.
Die Poesie von Jane van Raudi geht in Räume, die wie die Bilder von Marie Stiehler heute und jetzt dazwischen liegen – in einem neuen Ton, bei dem die Neuronen in friedlicher Hitze implodieren:
Auf Zehenspitzen um die Manie herum. Lieblich, kostbar, präsent bleibt die Angst um den Puls; am Rande des Fiebers. Willensstark süchtig nach energetischer Lebensfreude lasse ich beide Hände in die Erde sinken und grabe in den Wurzeln. Innerhalb von Stunden liegen die Sedimentschichten meiner Persönlichkeit brach und ich komme nicht umhin. Ein Teil von mir will in jede Zitrone beißen, um zu wissen, was ein ums andere Mal passiert, wenn alles, alles unglaublich geil sauer ist. Gänsehaut des Wahnsinns super sour on ice deluxe.
Ein Bestandteil von mir weiß wiederum um das Unüberspürbare unter der Fassade, lässt sie sorgsam bröckeln und zwingt mich zur Rücknahme. Wachsam. Wachstum. Langsam. Ein Zustand im Zwischenraum – das Seltsamste, das Anstrengendste, das Wichtigste.
Unüberspürbar. Inbetweener Space von Jane van Raudi mit Zeichnungen und Grafiken von Marie Stiehler. Das Buch wurde gestaltet von Anne-Lene Proff vom Kollektiv Scrollan. Es ist für 18 Euro im Buchhandel mit der ISBN 978-3-9822591-7-8 erhältlich oder kann direkt über unsere Mailadresse edition at aesthetikundkommunikation.de bestellt werden.