Autor: Jan (Seite 1 von 1)

Glossar der Sicherheitsgesellschaft – gegen die Verlockung der Eindeutigkeit

Glossar der Sicherheitsgesellschaft

Früher hat es Glossare und Enzyklopädien gebraucht, um Bescheid zu wissen: was, wie, warum. Im permanenten Krisenmodus (Finanzen, Migration, Klima, Pandemie, Krieg) kehrt es sich um. Wer wohlmeinender Propaganda, pseudoreligiösem Gerede und identitärem Kitsch entgehen oder entgegentreten will, braucht Anderes: Nicht-Bescheid-Wissen, Warum-Verlust, Uneindeutigkeit, Zweckfreiheit oder Zweckbefreiung wären noch erwähnenswert. Von A bis Z werden die Begriffe zu missverständlichen Worten und Bildern. Mehr Sicherheit ist nicht zu haben.

Aufgeschrieben von Jürgen Werner Schulz und collagiert von Andreas Galling Stiehler.

108 Seiten, gebunden, 22 € (D), ISBN 978-3-9822591-2-3.

Der Glossar der Sicherheitsgesellschaft ist die erste Buchveröffentlichung der edition ästhetik & kommunikation. Er ist im Buchhandel erhältlich oder kann über die Mailadresse verlag at aesthetikundkommunikation.de direkt bei uns bestellt werden.

Ausgabe 184/185: War on Issues

Ein Auszug aus dem Editorial von Andreas Galling-Stiehler, Elisabeth von Haebler, Jürgen Schulz und Ilja Wehrenfennig:

»Wir befinden uns im Krieg, einem Gesundheitskrieg. Wir kämpfen weder gegen eine andere Armee noch eine andere Nation, aber der Feind ist da: unsichtbar und schwer fassbar. (…) Wir führen Krieg« – die Kriegserklärung eines französischen Präsidenten gegenüber einem Virus wirft Fragen auf. Bereits aus immunologischer Sicht argumentiert der Präsident antiquiert. »Von Viren können wir ebenso wenig geheilt werden, wie man uns vom Stirnlappen unseres Gehirns befreien kann: Wir sind unsere eigenen Viren«, erläutert die Biologin Lynn Margulis. Auch wenn die Idee des Kampfes Mensch gegen Virus damit so irrsinnig erscheint wie der Kampf Mensch gegen Mensch sind Kriege wieder angesagt. Die Differenz zwischen Selbst und Nicht-Selbst wird als politische Unterscheidung zwischen Freund und Feind praktiziert.

Avanciert Krieg zu einem Modus politischer Kommunikation? Seine Begriffswelt präsentiert sich harmlos metaphorisch – »Wahlkämpfe mit verhärteten Fronten«, so klingt es dann. US-Präsidenten erklären den »War on Poverty« oder den »War on Drugs«. Wirkmächtiger aber tritt Krieg dort in Erscheinung, wo er Funktionssysteme und Programme unseres Gemeinwesens berührt, die er als spezifischen Modus politischer Kommunikation reformiert. Im »Krieg gegen das Virus« beispielsweise gibt es keine Gegner:innen, die man öffentlich zwingen könnte, und doch geht es dabei um mehr als eine Metapher. Davon zeugen die Stärkung der Exekutive, die Umstellung der Wirtschaftspolitik, tägliche Lageberichte und die Einschwörung der Zivilbevölkerung auf eine moderne Spielart der Heimatfront. Was aber bedeutet es uns, wenn dieser Modus politischer Kommunikation in einer postheroischen Gesellschaft den Verteidigungsfall zum Normallfall macht? Und was geschieht dagegen, wenn die Feindmarkierung gänzlich ausfällt und Issues den Krieg nicht mehr zu begründen vermögen? Wohin mit dem Kriegsfall? Wohin, wenn der vergessene Krieg wieder real wird?

Krieg war immer schon eine ästhetische Herausforderung. Das Spektrum reicht von heroischen, bisweilen kriegsverherrlichenden, über topographisch-analytische Darstellungen bis zu Sujets, die das Grauen des Kriegs für immer vergegenwärtigen. Der ästhetische und kommunikative Zugriff von War on Issues ist ein anderer.

Lesen Sie hier das vollständige Editorial (PDF-Download).

Ebenfalls als Download stehen das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe und das Cover bereit.

Das Heft ist für 20 € im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-9822591-3-0) oder kann bei uns bestellt werden.

Ausgabe 182/183: Hochstapelei, Betrug und Andere Künste

Ein Auszug aus dem Editorial von Elisabeth von Haebler und Friedrich von Borries:

Hochstapler*innen gab es schon immer. Menschen, die vorgetäuscht haben, jemand zu sein, der oder die sie nicht waren, über Fähig- oder Fertigkeiten zu verfügen, die sie nicht beherrschten. Aber was erzählt das Phänomen der »Hochstapelei« über die Gesellschaft, in der er auftaucht? Welche Form von Hochstapelei fördert der Kapitalismus, in dem wir uns andauernd präsentieren, vermarkten, verkaufen müssen – und uns deshalb als schöner, erfolgreicher, bedeutsamer darstellen, als wir sind?

Die Pflicht zur Selbstdarstellung

Der Amerikaner Dale Carnegie bot ab den 1910er Jahren Kurse
in positivem Denken, Rhetorik und Selbstdarstellung an. Er hatte – lange vor Facebook, Instagram, LinkedIn und Co – erkannt, dass im gegenwärtigen Kapitalismus alle Menschen zu Selbstdarstellern und Selbstverkäufern werden. Boris Groys spricht deshalb davon, dass wir alle eine »Pflicht zum Selbstdesign« hätten. In einer Gesellschaft, die alles vermarktet, müssen wir uns beständig weiterentwickeln, optimieren und die Ergebnisse dieses Selbstverbesserungsprozesses nach außen darstellen.

Von der Selbstdarstellung zum Betrug

Nun ist Selbstdesign, Selbstdarstellung und Selbstverkauf noch keine
Hochstapelei. Denn erstens ist Hochstapelei Betrug. Das, was verkauft wird, entspricht nicht dem, was dargestellt wird: das Kunstwerk wurde nicht von der berühmten Künstlerin gemalt, die als Urheberin ausgegeben ist; die Ärztin hat nicht Medizin studiert; die ausgezahlte Dividende stammt nicht aus dem versprochenen Gewinn des Unternehmens, sondern aus den Einlagen anderer Anleger*innen. Diese Form von Betrug ist in vielen Fällen strafbar, in vielen auch nicht. Jede*r kennt die Mogelpackung, die einen größeren Inhalt vorgibt, als sich tatsächlich darin befindet. Aber erlaubt sind 30% (heiße) Luft, erst danach beginnt der Betrug. Es kommt, so scheinte es, auf den Grad der Abweichung an. Ein leicht frisierter Lebenslauf und die Verwendung von Instagram-Filtern kommen in den besten Familien vor – man darf es halt nicht übertreiben. Doch die Grenzen zwischen geschönter Selbstdarstellung und echter Hochstapelei sind fließend. Nehmen wir zum Beispiel den Immobilien- oder den Aktienmarkt: Natürlich gibt es bei allen Beteiligten die Erwartung, dass ein Investment eine hohe Gewinnsteigerung mit sich bringt, und diese Erwartungshaltung schafft den Nährboden für das Spannungsfeld zwischen (erlaubter) Schönmalerei und (verbotener) Hochstapelei.

Hochstapelei als Kunstform

Mit der Schönmalerei wären wir bei der Kunst angekommen. Kunst ist besonders anfällig für Hochstapelei. Die Welt der Kunst bietet eine toxische Mixtur aus hohen Renditeerwartungen, immer wieder proklamierten immateriellen Werten und Jet-Set-Allüren. Der materielle Wert eines Kunstwerkes hängt nicht von den verwendeten Materialien ab, sondern ist fiktiv, generiert sich aus der Selbstbehauptung der Künstler*in – und der Akzeptanz dieser Selbstbehauptung am Kunstmarkt. Wie also will man in einer Welt, in der nicht der materielle Wert, sondern die Einzigartigkeit der konzeptionellen Idee den Wert bestimmt, zwischen dem »wahren Wert« und der hochgestapelten Behauptung differenzieren?

Lesen Sie hier das vollständige Editorial (PDF-Download).

Ebenfalls als Download stehen das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe und das Cover bereit.

Das Heft ist für 20 € im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-9822591-1-6) oder kann bei uns bestellt werden.

Ausgabe 180/181: Werbung

50 Jahre Ästhetik & Kommunikation: Wir bedanken uns bei Fons Hickmann, Olivier Bucher und Philip Jursch vom Atelier M23 für das neue Heft-Layout! Mit neuer Rubrizierung fangen wir neu an, weiterzumachen. Für Nostalgiker gibt es eine Cover-Retrospektive auf unserem Instagram-Account. Ein halbes Jahrhundert Ästhetik & Kommunikation – und dazu Schwerpunkt Werbung? Bricht der Titel nach der langen Zeit nun auseinander – hier das ästhetische Empfinden und kritische Räsonnement der Kunst und da drüben das schmutzige Geschäft mit der Kommunikation?
Als PDF-Download stehen hier schon mal bereit: Das Inhaltsverzeichnis, das Editorial und das Cover. Das Heft ist für 20 € im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-9822591-0-9) oder kann bei uns bestellt werden.