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Editorial Heft 152/153

Heft 152/153: KriegsvergessenheitHeft 152/153 42. Jahrgang 42. Jahrgang 2011/12 20 €


Kriegsvergessenheit

Inhaltsverzeichnis

Kriegsvergessenheit

»79 Soldaten und ein Hund waren im Einsatz +++ Obama machte sich Sorgen +++ Dann funkte der Kommandant: Für Gott und Vaterland!« – so klingt der Boulevard Anfang Mai 2011. (Bild 3.5.2011) Der Topterrorist Osama bin Laden ist bei einer »Kommandoaktion« der US Army in Pakistan getötet worden, die Nato fliegt Luftangriffe in Libyen, es gibt Anschläge auf Besatzungstruppen in Afghanistan und Irak. Kann man nun von Kriegsvergessenheit sprechen, wenn Krieg und Gewalt nonstop auf allen Kanälen präsent sind? Leben wir nicht ganz im Gegenteil in der permanenten medialen Präsenz von Krieg – im wartainement? Wie viele Filme wurden nicht schon über die Weltkriege, den Vietnamkrieg, ja selbst über den Golfkrieg oder die neuen asymmetrischen Konfliktkonstellationen gedreht? Popmusik, Comics und Com­puterspiele zeigen: Krieg ist längst eine lohnende Unterhaltungssparte.
Ausführlich informiert uns die Presse über die Ge­schehnisse in Afghanistan, über Details der Bun­deswehrreform, über Skandale und Skandälchen in der Armee und über außenpolitische De­tails. Inzwischen ist nun auch amtlich fest­ge­stellt worden, dass in Afghanistan doch eher ein Krieg als Sozialfürsorge mit robustem Mandat herrscht. Auch wissen wir über die Verbrechen der Wehrmacht und die Leidensfacetten des Bom­ben­krieges ebenso Bescheid wie über ak­tuelle Kriegsgräuel und Folterungen u. a. im Irak. Dazu sug­geriert die Internet­platt­form www.wi­ki­leaks.com: Wir haben Live-Cams im Krieg stehen.
In den Sozialwissenschaften und Feuilletons wird dagegen vielfach eine Kriegs- und Gewaltvergessenheit thematisiert. Der Diskurs von der »postheroischen Gesellschaft« (Münkler 2007) verweist auf die in den gegenwärtigen Zivilgesellschaften vorherrschende habituelle und geistige Ferne zum Kriegerischen. Hans Joas und Wolfgang Knöbl attestieren dem Mainstream der Sozialwissenschaften und der Sozialtheorie sogar »Kriegsverdrängung«, da er letztlich einem modernisierungstheoretischen Paradigma fol­ge, dass von einem Verschwinden der Gewalt aus­geht (Joas/Knöbl 2008). Vergleichbar be­män­gelt die neuere Soziologie der Gewalt, dass Ge­waltphänomene (zu denen fraglos auch der Krieg gehört) zumeist lediglich unter den As­pekten der Anomie und des devianten Verhaltens gefasst werden, weshalb aus dem Blick ge­rate, dass der friedliche und zivile soziale Verkehr von Menschen untereinander durchaus erklärungsbedürftig und keineswegs selbstverständlich sei (Trotha 1997). Auch in der Medien­öffentlichkeit wird zunehmend wahrgenommen, dass sich Bundeswehrsoldaten, die in Af­ghanistan stationiert waren oder sind, darüber beklagen, dass ihre Aufgabe in der Heimat zu wenig gewürdigt werde. So ergab eine Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr: »Die Mehrheit der Bevölkerung weiß nach eigenem Bekunden nichts Konkretes über die Auslandseinsätze der Bundeswehr oder hat noch nie von diesen Missionen ge­hört.« (SOWI 2010: 33) Dass sich langsam das jahrelang von der Politik gemiedene K-Wort durchsetzt, wird daher von vielen Soldaten als Anerkennung einer realen Bedrohungs- und Konfliktlage und damit als eine wichtige Voraussetzung für die gesellschaftliche Wertschätzung ihres Dienstes empfunden.
Allerdings macht sich bezüglich der Vorstellung, dass die in der Politik inzwischen po­pu­läre Rede von »kriegsähnlichen Zuständen« neue Einsichten mit sich bringe, Skepsis breit, nachdem sich Deutschland im Weltsicherheitsrat in der Libyenfrage enthalten hat. Ungewohnt heftig wird die Enthaltung Westerwelles in der Presse kritisiert. Sie sei Ausdruck einer »irrlichternden« Politik, die »ohne Kompass se­gelt« und »nach Gefühl« entscheide (SZ vom 12.04.2011, S. 4). Sie künde von deutscher Konsequenz: »alles, nur keine Gewalt gegen Gaddafi.« (FAZ vom 24.03.2011, S. 1) Unisono schämten sich ein ehemaliger Außenminister und ein ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr – der eine Mitglied der Grünen, der andere der CSU – öffentlich für die Haltung ihrer Regierung (SZ vom 21.03. und 22.03.2011).
Das Zaudern der Bundesregierung legt nahe, noch einmal das instruktive Büchlein des Hamburger Historikers Klaus Naumann zur Hand zu nehmen (Naumann 2008). Dort diagnostiziert der Autor eine parteiübergreifende »in­nen­politische Abwehrhaltung« gegenüber Fragen außen- und sicherheitspolitischer Strategie. Die politische Klasse leide unter einem »strategischen Dilettantismus«. Vor allem habe sie »den politischen Schritt von der ›Verteidigung‹ zur ›Sicherheit‹ noch nicht vollzogen.« (Naumann 2008: 40). Naumann bezieht sich damit auf den Paradigmenwechsel der Sicherheitspolitik, der sich seit 1989 vollzieht. Heute impliziert »Si­cher­heit« eine globale Problemwahrnehmung, die nicht nur reagiert, sondern präventiv und vorbeugend agiert. Sicher­heits­po­li­tik kann da­her nicht mehr sinnvoll in das Korsett nationaler Interessen gezwängt werden, son­dern impliziert eine gemeinsame Verant­wor­tung der Na­tio­nen für den Frieden, die Men­schenrechte und die globale Ordnung.
Aufgrund dieser globalen und nicht länger bloß nationalen Verantwortung und Interessenlage bedarf Sicherheitspolitik einer strategischen Debatte, die Ziele, Mittel und Ressourcen definiert und ein Bild der Welt zeichnet, die man vor Augen hat. Diese Debatte kann sich nicht auf die »politische Klasse« beschränken, sondern muss auch die Bürgergesellschaft umfassen, denn die strategische Schwäche der Politik ist Ausdruck der strategischen Schwäche der Bürgergesellschaft. Denn ohne strategische Kompetenz werden Außen- und Sicherheitspolitik zu einem Spielball der Ereignisse.
Eine wesentliche Voraussetzung strategischer Überlegungen ist die Anerkennung der Tatsache, dass sowohl Sicherheitskriege wie der Golfkrieg, der Kosovokrieg oder der Afghanis­tankrieg, als auch militärische und der Möglichkeit nach gewaltsame Out-of-Area-Einsät­ze genuine Momente der neuen globalen Si­cher­heitsordnung sind. Zwar sind diese Mittel nicht mehr »Instrumente« des Politischen, sondern unterliegen einer Reihe normativer Restriktionen, die sich aus dem Völkerrecht ergeben. Al­ler­dings hat sich herausgestellt, dass die »Diskriminierung des Krieges«, wie sich Carl Schmitt diesbezüglich auszudrücken pflegte (Schmitt 1938), durchaus nicht seiner Abschaffung gleich­kommt. Vielmehr können gewaltsame mi­litä­rische Mittel unter eng definierten Um­ständen durchaus eine Option sein, um Menschenrechte durchzusetzen, Frieden zu erzwingen oder Zivilisten zu schützen. Damit übernehmen Kriegführung, militärische Operationen und Formen der zivil-militärischen Zu­sam­menar­beit allerdings konstitutive Funktionen im Rahmen der weltgesellschaftlichen Sicherheitsordnung. Wirklichkeitsgemäße strategische Überlegungen, die sich mit globaler Sicherheit befassen, kommen um die Anerkennung dieses Faktums nicht herum. Ist somit die Kriegsvergessenheit in Politik und Bürgergesellschaft – so die Fragestellung, die zur Herausgabe dieser Num­mer von Ästhetik & Kommunikation führ­te – eine Ursache für den diagnostizierten »strategischen Dilettantismus«?
Vielleicht kommt man weiter, wenn man sich fragt, warum das K-Wort überhaupt so lange und so umständlich vermieden wurde: Wur­zelte der langjährige Unwille von Politikern, vorschnell das K-Wort in den Mund zu nehmen und statt dessen allerlei Euphemismen wie englische Fachtermini zu benutzen, in dem Willen, die Konsequenzen des »Verteidigungsfalls« zu vermeiden? Dieses Motiv wird diskutiert. Verwiesen wird auch auf die völkerrechtliche Sprach­regelung für Afghanistan. Diese spricht vom »nicht­internationalen bewaffneten Konflikt« (dazu Schaller 2009) und eben nicht vom »Krieg«. Als weitere Gründe werden genannt: Die Verweigerung des Kombattantenstatus für die Taliban – diese sollten nicht als Kriegsgegner gelten, sondern als Verbrecher und Terroristen. Außerdem soll die Bevölkerung nicht verunsichert und der Wähler geschont werden.
Allen diesen Vermeidungsgründen liegt letztlich eine Vorstellung des Krieges als »großer« Staatenkrieg zugrunde. Man muss nur die in­zwischen auch nicht mehr neuen Studien von Mary Kaldor und Herfried Münkler über »neue Kriege« lesen, um zu wissen, dass das eine reduzierte Vorstellung vom Krieg ist (Kaldor 1999; Münkler 2002). Damit aber fragt sich, welche Vorstellungen und Ideen sich mit dem Krieg eigentlich verbinden und welche politischen Leitbilder das wiederum wachruft. Welche Assoziationen ruft das Wort »Krieg« in Deutsch­land wach? Ist dies eine Ursache für die häufig bemerkte Kriegsvergessenheit? Welche Implikationen hat das im Bereich des Politischen?
Am Horizont der Rede vom Krieg wetterleuchtet der Not- und Ausnahmezustand, d. h. die Außerkraftsetzung der politischen und rechtlichen Normalität. Hinzu kommt, dass man als Deutscher bei »Krieg« schnell an den Zweiten Weltkrieg und an den totalen Existenzkampf mit schließlichem Untergang denkt. Dazu gesellen sich dann die von der Erinnerungskultur eingeübten Vorstellungskontexte, die um »Bombenkrieg«, »totale Mobilmachung«, »Holocaust« und »Verbrechen der Wehr­macht« kreisen. »Krieg«, so fasst es Heinrich Wefing in der Zeit zusammen, »das ist nicht irgendein Feldzug. ›Der Krieg‹ – das ist der Zweite Weltkrieg. Brennende Städte, Millionen Tote. Väter, Söhne, Brüder, die nicht mehr nach Hause kamen.« (Zeit online vom 15.11.2009). Dass ein solcher Assoziationskontext auch das Nachdenken über die Rolle von Krieg und Militär in der globalen Sicherheitsordnung inkriminiert, ist also durchaus nicht überraschend.
Aber Vorstellungsbilder und Erinnerungsdiskurse, die um die Weltkriege kreisen, sind den militärischen Seiten der globalen Sicherheitsordnung nicht angemessen. Sicherheitskriege und Out-of-Area-Einsätze werden nicht nur »woanders«, sondern auch »beiläufig« ge­führt. Üblicherweise wird der Ausnahme- und Kriegszustand gerade vermieden, d. h. nach wie vor finden Wahlen statt, Ausländer einer be­stimmten Herkunft oder Religion werden nicht interniert, Notstandsgesetze bleiben in der Schublade und man streitet sich über unterirdische Bahnhöfe und Windräder in Vorgartennähe. Der »totale« Staatenkrieg ist das falsche Bild für die ordnungskonstitutiven Gewaltformen des globalen Sicherheitsdispositivs (vgl. Spreen 2010: 76-82).
Wird dagegen der Diskurs über Sicherheit und Krieg von der Last der deutschen Vergangenheit beherrscht, dann wird dies die Kriegsvergessenheit in einer Art paradoxer Wirkung verstärken, insofern die Wirklichkeit der neuen Kriege, der Sicherheitskriege und der Out-of-Area-Missionen verdeckt wird. Dann wird vergessen, was schon Carl von Clausewitz wusste, nämlich dass der Krieg ein »wahres Chamäleon« ist, dass sich mit der gesellschaftlich-historischen Konstellation ändert, in die er eingebettet ist (Clausewitz 1952: 110).
Kriegsvergessenheit meint also nicht nur, dass Gegenwärtigkeit und Rolle des Krieges nicht thematisiert wird, sondern auch, dass ein Modell aus der Vergangenheit zugrunde gelegt wird, wenn über die derzeitige Bedeutung von Krieg und Militär gesprochen wird. Im ersten Fall handelt sich um eine Vergessenheit, die aus einer Tabuisierung des Themas überhaupt entspringt, im zweiten Fall um eine, die aus der Fixierung auf die Geschichte herrührt, die aber gleichzeitig sehr redefreudig und gut bebildert sein kann. Solche Vergangenheitsfixierung stellt dann eine Verschiebung und Ersatzbildung dar, wenn sie eine realitätsgerechte und verantwortungsvolle Befassung mit den gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen globaler Ordnungskonstitution verhindert. Psycho­logisch gesehen handelt es sich sowohl im Falle der Tabuisierung wie der Ersatzbildung um Ab­wehrmechanismen, die einen kollektiven Charak­ter haben. Ein dritter Fall liegt vor, wenn Ge­sellschafts- und Geschichtsmodelle, Sozial­theo­rien und pädagogische Sozialisationskonzepte vorherrschend werden, in denen Gewalt als konstitutives Moment sozialer Ordnung und sozialer Integrationsprozesse nicht anerkannt wird, d. h. »verdrängt« wird. Hans Joas und Wolfgang Knöbl führen die weitgehende Ausscheidung der Gewalt und des Krieges aus dem Kanon moderner sozialwissenschaftlicher und sozialtheoretischer Grundbegriffe darauf zu­rück, dass »als negativ empfundene, ängsti­gen­de und bedrohliche Erfahrungen vom Bewusstsein ausgeschlossen [werden], ohne dadurch ihre Wirksamkeit zu verlieren.« (Joas/Knöbl 2008: 9) Es ist nicht schwer zu erkennen, dass diese Abwehrmechanismen sich gegenseitig stabilisieren können.
Ein vernünftiger und überlegter strategischer Diskurs, der die Positionierung in der globalen Sicherheitsordnung im Blick hat, wird unter solchen ideellen Voraussetzungen immer nur schwer politisch vermittelbar sein. Schwer vorstellbar, dass die außen- und sicherheitspolitische Kompetenz darunter nicht leiden sollte. Dass es um diese nicht zum Besten steht, wird jedenfalls von der deutschen Außenpolitik derzeit der (Welt-)Öffentlichkeit nachdrücklich demonstriert. Die – teilweise auch schon in der Nähe der Gürtellinie angekommene – Kritik an Außenminister Westerwelle zeigt, dass es in Politik und Bürgergesellschaft ein Bewusstsein für diese Fragen gibt. Allerdings darf die Konzentration auf Westerwelle nicht dazu führen, strukturelle Schwächen zu ignorieren. Die mediale Strategie der Personalisierung verfängt hier leicht – es wird über den Verbleib des Ex-FDP-Vorsitzenden im Amt diskutiert, nicht über seine amtliche Entscheidung.
Einer der Kerngedanken der Zivilgesellschaft besteht darin, dass man das Militär nicht den Soldaten und den Krieg nicht den Kriegern überlassen darf. Denn »immer gilt es«, so Trutz von Trotha in dem Interview in dieser Ä&K-Ausgabe, »der Gewalt eine Form zu geben und vor allem ihrer Herr zu werden.« Durch eine Kriegs- und Gewaltvergessenheit, die auf Tabuisierung, Verschiebung und Verdrängung be­ruht, findet man aber keine gesellschaftlich kontrollierte Form der Gewalt, erst recht keine »zi­vile«. Denn das Abgewehrte verliert seine Wirk­sam­keit nicht und kehrt verwandelt zurück. Die Psychologie warnt, dass es dann die Kontrolle übernimmt! Kriegsvergessenheit in Öffentlichkeit, Politik, Bürgergesellschaft und Sozialwissenschaft ist daher nicht unproblematisch und wird deshalb in dieser Ausgabe von Ästhetik & Kommunikation zum Problem gemacht.
Zudem zeichnet sich diesbezüglich in der Öffentlichkeit ein Trend ab: Allein die große Resonanz die, die Romane wie Dirk Kurbjuweits Kriegsbraut, Sachbücher wie Soldaten von Sören Neitzel und Harald Welzer, aber auch das neu editierte Kriegstagebuch Ernst Jüngers hervorrufen, verweist darauf, dass es ein Interesse an der Auseinandersetzung mit der Thematik gibt, die sich mit deren Randständigkeit nicht zufrieden geben kann. Dieses Interesse allein schützt noch nicht vor unangemes­se­nen Vorstellungen, Kriegs- und Soldatenbildern, ist aber eine notwendige Voraussetzung dafür, zu einer realitätstüchtigen Sichtweise zu finden.
Daher werden in dieser Ausgabe nicht in erster Linie Formen und Varianten des Krieges und des gewaltsamen Konflikts, sondern solche der Kriegsvergessenheit und der Kriegsvorstellung zum Thema gemacht. Im ersten Teil geht es zunächst um Facetten der Kriegsvergessenheit in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Dieter Hoffmann-Axthelm befasst sich mit der mentalen Nichtexistenz der tatsächlich geführten Krie­ge. In einem Update seiner kritischen Überlegungen zur strategischen Reflexion in der Politik fragt Klaus Naumann, was die ak­tuelle Rede vom »Krieg in Afghanistan« bedeutet bzw. nicht bedeutet. Jens Warburg widmet sich der inneren Lage der Friedensbewegung. Sozialwis­senschaftliche Aspekte bringen Stefan Kaufmann und Dierk Spreen ins Spiel. Kaufmann rekonstruiert, wie die Sozialwissenschaften in For­men der Aufstands­bekämpfung ­»ein­ge­bettet« werden und Spreen hinterfragt die weitgehende Kriegsvergessen­heit in der soziologischen Theorie. Abgeschlossen wird dieser Teil mit einem ausführlichen Interview, das die Herausgeber mit dem Siegener Soziologen Trutz von Trotha geführt haben.
Da Kriegsvergessenheit nicht nur in Tabuisierung und Verdrängung besteht, sondern auch in Kriegsvorstellungen und Diskursen niederschlägt, liegt es nahe, die Medien und mediale Kriegsbilder in die Fragestellung mit einzubeziehen. Dieser Thematik nährt sich der zweite Teil. Zuerst widmen sich Andreas Galling-Stiehler und Jürgen Schulz dem Widerspruch der gleichzeitigen Notwendigkeit und Unmöglichkeit eines Kriegs-Marketings. Jan ­Schimmang befasst sich mit der Darstellung bzw. Thematisierung des Krieges in der Popmusik. Gerhard Kümmel – Leiter des Projektes »Die Integra­tion von Frauen in die Bundeswehr« am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr – widmet sich in seinem Beitrag der Geschlechterthematik und fragt nach der Bedeutung und Funktion neuer Leinwandheldinnen.
Wichtig erschien uns auch, Eindrücken und Spuren des Krieges einen Raum zu geben – also auch nicht nur Begegnungen mit den Folgen der Gewalt, sondern auch Erfahrungen in Auslandseinsätzen. Facetten dessen, werden im dritten Teil in den Beiträgen von Gesine Palmer und Axel von Hoerschelmann berücksichtigt. Sarah Steffen zeigt in ihrem Fotoessay »freak out, then … sleep« Bilder, die es dem Betrachter überlassen, darin Krieg oder Vergessen zu sehen.
Spuren des Krieges finden sich auch in den Grafiken des Berliner Künstlers Joachim Zintel in dieser Ausgabe. Zintel, 1939 geboren, er­krankte durch die Mangelversorgung im Krieg an Kinderlähmung. Dieses Handicap verwandelt er in künstlerische Produktivität. Es erlaubt ihm, mittels seines hauptsächlichen Werkzeugs, dem Stempel, die Kontingenz des Körpers in Konstruktionen zu übersetzen, die sich dem Willen und der Vorstellung zugleich widersetzen. Die so entstehenden Monotypien verkörpern das spannungsvolle Verhältnis von Macht und Materialität, von Handlung und Zufall – konkrete Kunst also in einem doppelten Sinne. Wenn der Künstler den Stempel setzt, dann nach einer Idee, die lange reifen musste. Aber wie der Stempel schließlich druckt, weiß er nicht: »Der Stempel gestaltet« – oder der Körper. Auf diese Art und Weise bleibt der als Kind erfahrene Krieg in der Kunst gegenwärtig, ohne sich in einen lesbaren Diskurs zu verwandeln. Was er bedeutet und wie er prägt – oder »sozialisiert« –, bleibt letztlich offen.
Die Titelseite von Ästhetik & Kommunikation zum Beispiel zeigt einen Ausschnitt aus der dreiteiligen Monotypie Asymmetrie im Originalmaßstab. Der Druck weist so auf die Relevanz nichtsymmetrischer und ungleicher Be­zie­hungen und Konflikte hin. Dabei legt er nicht fest, was aus dieser Relevanz folgt. In der Serie Prägung, die in einem kleinen Band auch jenem Publikum zugänglich gemacht wird, dass sich nicht zu den glücklichen Eigentümern Bildern Zintels zählen kann, geht es explizit um den Krieg (Zintel et al. 2010). Abwechselnd sind Bilder der Serie und prägende Erinnerungen wie­der­gegeben. Sie machen zweierlei deutlich: Ers­tens wie sehr sich der Krieg und die während der Flucht durch den Raum der Schlacht um Berlin 1945 erlebte Gewalt im Leben niederschlagen und zweitens, dass diese Erfahrungen bear­beitet und verwandelt werden wollen, damit die Zukunft von ihnen nicht dominiert wird.
Abgeschlossen wird der Thementeil mit einer Spurensicherung, denn das »Durcharbeiten« der Spuren des Krieges kann helfen, den Bann seiner Gewalt aufzuheben: Der Beitrag von Volker Kruse zeigt, dass mehr Krieg in der modernen Zivilgesellschaft steckt, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Sebastian Ostermann rekonstruiert Gaskriegsphantasien der Zwischenkriegszeit, in denen sich unschwer auch die bis in die Gegenwart reichende Atomangst wiedererkennen lässt. Volker Heins befasst sich mit der Rolle der Erinnerung an den Bombenkrieg. Die abschließenden Beiträge von Merle Rieschel und Knut Köhler rufen in Erinnerung, wie schwer es ist, insbesondere innere Konflikte zu beenden und schlagen damit wieder den Bogen zum ersten Teil.
Kriegsvergessenheit ist etwas anderes als Pa­zi­fismus. Pazifisten gewinnen ihre Überzeugung in der Regel aus einer gründlichen Be­schäftigung mit dem Krieg und der Gewalt; häufig gewannen sie ihre Überzeugung aus nächster Erfahrung. Dass der Pazifismus als po­litische Theorie randständig geblieben ist, hat damit zu tun, dass er die Ambivalenz der Ge­walt, die zugleich ordnungsgefährdend und ord­nungsstiftend ist, nicht antizipiert (dazu immer noch am besten: Popitz 1992: 43-78). »Kriegsvergessen« im Wortsinne ist dagegen der Alltag. Und das ist auch gut so: Im Rahmen seiner alltäglichen Geschäfte muss man sich nicht mit Ordnungskriegen befassen, die out of area geführt werden. Welche Rolle soll es beim täglichen Dienst am Kopierer, bei der Montage am Band oder beim kreativen Marketing vor dem Laptop in einem Café am Prenzlauer Berg schon spielen, ob man weiß, wofür OEF, PRT, UNIFIL oder ATLANTA stehen? Das Schöne an der repräsentativen Demokratie ist ja, dass sie die alltägliche Lebensführung von Politik entlastet – eine Funktion, die nicht unerheblich zum sozialen Frieden beiträgt – und dafür die privaten Welten Beruf, Karriere, Familie, Freizeit, Konsum und Unterhaltung öffnet. Dass man Krieg und Gewalt im Alltag nahezu vergessen kann und stattdessen als Actionthrill im Kino genießen darf, ist keine postheroische Mangelerscheinung, sondern die gute Normalität einer zivilen Gesellschaft. Anderes aber gilt für den Raum der politischen Öffentlichkeit, d. h. für die Mitglieder der politischen Klasse, die Akteure der Bürgergesellschaft und ihre sozialwissenschaftlichen Zuarbeiter. Hier führen Ig­noranz, technokratische Verklausulierung und vergangenheitsfixierte Vorstellungen be­züg­lich der militärischen und kriegsförmigen As­pekte der Außen- und Sicherheitspolitik zu Orientierungslosigkeit. Das ist aber keine harm­lose Sache, sondern stellt in Frage, was man »gute Regierungsführung« nennt. Wünschenswert ist das nicht.

Dierk Spreen, Andreas Galling-Stiehler
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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