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Editorial Heft 149/150

Heft 149/150: VirusHeft 149/150 41. Jahrgang 41. Jahrgang 2010/11 20 €


Virus

Inhaltsverzeichnis

Virus

„Angst vor Viren: Tropeninstitut warnt vor Hysterie“ – so titelt die Süddeutsche Zeitung Ende Oktober 2011. Ästhetik & Kommunikation schließt sich der Botschaft in seinem 41. Jahrgang fast an. Ein Rest guter Egozentrik allerdings ist in jeder Hysterie noch drin – damit haben wir Erfahrung.
Das Konzept: Schweinegrippe, Obamania, Lady Gaga, Schland – täglich werden wir von En-, Epi- und Pandemien heimgesucht. Ob in­fi­­ziert, schon immun oder auf dem Weg zur Schutz­­impfung, immer ist unser Ab­wehr­system auf irgendeine Weise gefordert. Ist der tipping point erreicht, suchen wir nach Tro­pen­instituten. Das Ä&K-Heft Virus ist eins.
Die Befunde: Eine Art redaktionelles Credo kam von Gottfried Benn – „für den Lyriker ist das Wort eine körperlich Sache“. Das lässt sich doppelt wenden: erzählte Epidemie und epidemisches Erzählen. So liest Dieter Hoffmann-Axthelm die großen Erzählungen zur Pest von Defoe, Manzoni und Camus. Alle drei Autoren nutzen die Epidemie, so Hoffmann-Axthelm, um ihre Themen zu transportieren. Sie entwerfen Gesellschaften der Pest. Thomas Düllo geht an­dersherum dem ansteckenden Erzählen nach. Sein Beitrag liefert einen narratologischen Blick auf intertextuelle Ansteckungen und Wirts­texte, dazu einen Ritt von Lévi-Strauss zu Clash. Timo-Christian Heger zeigt am Compu­ter­vi­rus Stuxnet und der viralen Kriegsführung, wie wichtig die Macht über das Erzählen bzw. die Kommunikation ist. Florian Hadler betrachtet wiederum sein iPhone und hackt dabei die virale Marketingkommunikation dahinter. Martin Kiel fragt, ob das Umtriebige einer Ver­schwö­rungs­theorie nicht der kleine oder gar große Bruder dieses viralen Marketing ist, deren Virus-Mar­keting-Manager wiederum Jürgen Schulz für begrenzt innovativ hält. Daniela Kuka sieht dann am Beispiel der Verbreitung des Mülls eine weitere Grenze des Management der biopolitischen Machtausübung: Regime der Un­ord­nung. Axel Kufus spricht über Unordnung in Form der „Infektion von Reinst-Räumen mit Dreck“ als wichtigem Impuls für das Design. Die Ko-Autorenschaft verschiedener Disziplinen der Gestaltung in diesem Sinne war die Initial­zün­dung für das studentische Projekt „Virale Stra­tegien“ an der Universität der Künste Berlin, dessen Dokumentation zeigt, wie Design­infek­tionen wirken. Gesine Palmer dagegen weist die Aufforderung von sich, eine infizierte Ko-Auto­rin zu werden, das Ganze in einem furiosen Diskurs –von militärischen Ehrbegriffen über die Religionsphilosophie mit ihrer Kon­­tro­verse um Parasit und Wirt bis zur Markt­schreierei der Werbung. Dietmar Voss geht Infektion aus der Perspektive des „infizierten und desinfizierten Gattungskörper“ an – eine Rekonstruktion der Biomacht von Malthus´ Bevölkerungstheorie über die Rassenhygiene der Nationalsozialisten bis zum „glänzenden Gattungskörper“ der Well­ness unserer Tage. Im Kult des Demagogen und der mitunter absurden intellektuellen Ge­folg­schaft seiner An­hän­ger „mit Migrationshin­tergrund“ sieht Imran Ayata in diesem Herbst eine Ansteckung mit einem nur scheinbar viralen Rassismus. Jan Schimmang wendet sich im Gespräch mit dem Virologen Uwe Schumacher und dem Musik-Experten Udo Raaf einem anderen Kult zu, dem Popkult um Stars wie Lady Gaga und dessen Ähnlichkeiten mit einem grassierenden Grippevirus.
Die Autoren zum 40. Geburtstag von Ästhetik & Kommunikation kommen aus unterschied­lichsten Disziplinen, von der Kultur­theo­rie und Soziologie über Marketing und Militär bis Pop und Biologie, ihre Jahrgänge sind zwischen den 40er und 80er Jahren verteilt und doch haben sie eins gemein: Keiner verhandelt hier den Virus im Welterklärungsmodus. Das Institut hat also keine Impfstoffe entwickelt. Der Leser weiß aber nach der Lektüre – so die Hoffnung – zumindest mehr über die Hygie­ne und ihre Grenzen, was der Grafiker Sebastian Dörken in einer seiner Serien in diesem Heft explizit in Szene setzt.
Im allgemeinen Teil dieses Jubiläumsheftes präsentiert sich Ä&K passend dazu mit einem Glossar aus 40 Jahren. Auch hier kein Resümee, sondern eine Folge launig ausgesuchter Infek­tio­nen in der willkürlichen Systematik des Alphabets geordnet – tiefsinnig, hellsichtig und vorausschauend, traditionell und punked-up, selbstironisch und ratlos. Redaktionell zusam­men­gestellt haben den Glossar Elisabeth von Haebler, Antonia Schneider, Albrecht von Lucke, Andreas Galling-Stiehler und Dierk Spreen.


Andreas Galling-Stiehler
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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