Ästhetik & Kommunikation
Ästhetik & Kommunikation:

Startseite Heftverzeichnis Abonnement Heftbestellung Vertrieb Kontakt
Editorial Heft 148

Heft 148: Verpasste FreiheitenHeft 148 41. Jahrgang 41. Jahrgang 2010/11 11 €


Verpasste Freiheiten

Inhaltsverzeichnis

Warum das Thema Freiheit, warum nicht FDP?

Anlass zu diesem Heft gab die merk­wür­di­ge Duplizität, dass eine gesichtslose FDP, nach zweimal rot-grün und einmal schwarz-rot, er­neut Regierungspartei wurde, und gleich­zeitig eine aus dem Nichts aufgetauchte Partei junger Netzaktivisten einen erstaunlichen An­fangs­erfolg erzielte. Die FDP wurde gewählt, indem sie sich gezielt zum Sprachrohr der Reicheren unter den Steuerzahlern machte, die Piraten­par­tei überzeugte ein Segment von Jungwählern durch ihre Berufung auf bürgerliche Freiheits­rechte. In der Art und Weise, wie die FDP sich die Regierungsbeteiligung erwirtschaftete und wie sie seitdem regiert, entfernt sie sich so gründ­lich von allem, wofür der klas­si­sche Libe­ra­lis­mus einmal stand, dass das Weg­fal­lende deutlich wird, und eben dies Wegfal­lende hat die Piratenpartei im Fall erwischt und zum Pro­gramm eines generationellen Missbe­ha­gens ge­macht.
Also FDP raus, Piratenpartei rein? Das kann es nicht sein. Die FDP wird selbst noch in ihrem lamentablen Restzustand gebraucht, um diejenigen Enttäuschungen zu formulieren, die nur an sie zu heften sind. Und, leider, an keine an­de­re Partei. Auch nicht an die Piratenpartei, insofern diese erst einmal nur etwas in der Luft aufgefangen hat, dessen Tragweite und vertrackte Ansprüchlichkeit ihr bislang ziemlich vollständig entgehen dürfte.
Überhaupt käme man ja mit der Erwartung, auf irgendeiner Seite seien die richtigen Ab­sichten und Begriffe, keinen Schritt voran. Wie auch im Fall der Sloterdijk-Erregung, die nicht gerade zufällig mit dem Wahlgewinn der FDP zusammenkam: So sachunkundig und selbstgefällig Sloterdijks Begründungen gewesen sein mögen, so ungenau und populistisch seine Un­ter­scheidung von Leistungsträgern und Staats­geld­empfängern, hat doch der Vor­wurf der So­zialkleptokratie ausgereicht, das an­gegriffene sozialwirtschaftliche Lager, indem es lauthals und ähnlich inkompetent zurückbellte, als solches sichtbar zu machen.
Man kann also grundsätzlich davon ausge­hen, dass es überhaupt die Ausfälle sind, das Vor­bei, welche das Thema Freiheit dringend und als abwesendes sprachfähig machen, während die direkte Ansprache vermutlich durchweg daneben haut. Den Freiheitsbegriff über das aktuell politische wie über das weitergreifend realhistorische Verpassen sichtbar zu ma­chen, das ist es, was die Idee des Heftes aus­macht und die recht unterschiedlichen Pers­pek­tiven der Autoren zusammen bringt.
*
An der Sache vorbei geht genau genommen ja auch der Freiheitsruf der Piratenpartei. Daher noch einmal zum Ausgangspunkt des Heftes: dass die Jüngeren und ganz Jungen sich gemeldet haben. Die Freiheitsrede tritt im Heft selber, von Standpunktdifferenzen abgesehen, schon deshalb zweischichtig auf, weil unterschiedliche Generationen ihre Sicht auf den Freiheitsbegriff einbringen. Die meisten Autoren des Heftes sind einmal durch die Enttäuschungen von ‘68 hindurch gegangen. Ihnen ist erst allmählich klar geworden, dass es ohne die Anstrengung der Freiheit nicht geht, Freiheit sich dann aber als ein so prekäres wie kaum zu ergreifendes Gut erweist, das bevorzugt im vermiedenen Missbrauch zum Tragen kommt. Jüngere, de­nen die historischen Lasten der Älteren fremd sind, entdecken den Freiheitsbegriff dagegen wie einen neuen unbefleckten Stern, die Miss­brauchs­erfahrung haben sie vermutlich noch vor sich.
Dass jetzt die Netzaktivisten mit dem Frei­heitsbegriff in die Politik hineingehen, ist sicher aus ihrem Dilemma zu verstehen, das Netz als herrschaftsfrei wahrzunehmen, inzwischen aber sich auch eingestehen zu müssen, dass das Netz so viel Machtkonzentration und Kontrol­le er­laubt wie kein Medium bisher. Wenn nun auch noch der hiesige Staat sich anschickt, im Netz ein wenig zu regieren, dann richtet sich auf ihn die Verzweiflung der Netzgemeinde. Das ist kaum mehr als eine Übersprunghandlung.
Könnte sich daraus jetzt nicht vielleicht eine kleine ideologische Kernfusion ergeben? Das gekränkte Netz verzahnt sich mit dem bürgerlichen Restwiderstand angesichts der ständigen Fortschritte des Überwachungsstaates, den uns Innenminister wie Otto Schily und Wolfgang Schäuble beschert haben. Die Netzzensur würde dann gerade für diejenigen jungen Privile­gier­ten zum Katalysator einer weit über das Le­ben im Netz hinausgehenden Politik-, ja mehr noch Gesellschaftsenttäuschung, die jetzt als Studenten, Berufsanfänger, Starter, Jung­unter­nehmer, erfolgreiche Blogger usw. sich auf der Schwelle zu einem digitalen Mittelstand befinden, mit zuviel Wissen darüber, wie es läuft, und zuwenig Hoffnungen, was denn überhaupt noch werden kann.
Dass Enttäuschung und Freiheitsbegriff in Kontakt kommen, mag ein Augenblickseffekt sein und dabei stehen bleiben – an der Be­deut­samkeit des Signals ändert das nichts. Es hat sich etwas nach vorne gedrängt, was Parteien und Politologen weder erwartet haben noch im Rah­men ihrer Kategorien bisher deuten können: Dass da nicht einfach Enttäuschung schlecht­hin ist, Resignation, Politikverdruss, sondern ge­ziel­te Enttäuschung, eine, die bei der Politik nicht halt macht, dieser vielmehr so wenig zu­traut, dass sie sich gleich auf den politisch-wirtschaftlichen Gesamtzustand richtet und diesem den Vorwurf macht, sie um das Vitalste zu be­trü­gen, was man sich vom eigenen Leben er­hofft: die Freiheit, sich ausprobieren zu dürfen.
Die Parole „Freiheit statt Angst“ ist so an­spruchs­voll, dass man Angst haben kann. Oh­ne­­hin möchte ich sie nur einer Minderheit zu­trauen. Aber diese Minderheit hat, um Un­­ter­schied zu uns schwungvoll Bewegten der sechziger und siebziger Jahre, wohl schon beim Start erkannt, was auf sie zukommt: Eben nicht bloß Prekariat – es gibt ja auch ganz hübsche Kar­rie­ren – und nicht bloß das Drohbild Hartz IV, sondern eine Situation mentaler Unfreiheit. Die politisch aktiv werdenden Netzwerker sind sicher alles andere als Antikapitalisten. Aber sie glauben offenbar weder der sozialen Empö­rungs­ma­schi­nerie noch der neoliberalen Steuer­po­lemik, vielmehr wissen sie schon ohne län­ge­re Ein­las­sungen, dass es sich bloß um Masken handelt, unter denen Interessen­ver­treter ihre Sache ma­chen.
Dann freilich entsteht Bedarf nach etwas noch Reinem und Positiven. Ob das der Frei­heitsbegriff aushält, ohne ein weiteres Mal missbraucht zu werden? Dass man wieder fromm wird, kann die Lösung nicht sein. Hätte ein naives, auf Selbstvertrauen, Netzwerke und ökologische Sorgfalt gestimmtes Wiederlesen des klassischen Liberalismus eine Chance?1
*
Ein thematisches Zeitschriftenheft ist, so wie durch die Artikel, die es enthält, geprägt auch durch die Artikel, die nicht drin sind – weil sie nicht rechtzeitig fertig wurden, oder weil sich geeignete Autoren gar nicht erst fanden bzw. nicht bereit erklären konnten. In diesem Falle waren es zwei Fragen, für die es nicht gelang, rechtzeitig Autoren zu finden. Die erste, von Ge­sine Palmer gestellte, war: Welche Freiheit wird eigentlich im Hindukusch verteidigt? Die zweite, die ich gern von einem Soziologen be­ant­wortet gesehen hätte, lautete: Warum war in Deutsch­land zwischen Habermas und Luhmann kein Platz?? Schade, aber man muss auch mit dem Unbeantworteten leben, Haupt­sache, dass es als unbeantwortet nicht aus den Augen gerät.

Dieter Hoffmann-Axthelm
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



Impressum