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Dieter Hoffmann-Axthelm

Heft 147: Vor der KriseHeft 147 40. Jahrgang 40. Jahrgang 2009/10 11 €


Vor der Krise

Inhaltsverzeichnis

Krise der Kritik – Kritik der Krise

Krise und Kritik sind ein unzertrennliches Paar. Bereits sprachlich gehen sie auf eine ge­mein­same Wurzel zurück, Kinder des Ent­schei­dens, welches aus einer unklar brodelnden Ge­mengelage Parteien freisetzt, Himmel und Er­de, Tag und Nacht des Schöpfungsmythos, Linke und Rechte, Gewinner und Verlierer.
Unzertrennlich waren Kritik und Krise zu­gleich im Streit um Priorität – wer kontrolliert wen. Krise, das verweist auf die Eigenmacht der Prozesse, des unumkehrbaren Konflikt­ver­laufs, der auf Lösung drängt, da scheint alle Macht der Geschichte übergeben. Kritik beansprucht nicht weniger als die Krise zu entdecken, ja zu erzeugen – weiß sie doch, wo die Zu­kunft liegt, das größere Recht, der Fortschritt und die neue Zeit, wenn nicht gar das Heil der Menschheit.
Soweit das Wörterbuch der heroischen Zeit der Intellektuellen und des Kapitalismus. Aber was ist heute? Werfen sich Kritik und Krise noch die Bälle zu? Schneidet das kritische Mes­ser noch? Kommt es noch zu Entscheidungen?
Krise der Kritik
Die Geschichte der Kritik ist die der Verselb­stän­digung der Intellektuellen. Über Jahrhun­der­te hatte die ständische Einbindung be­stimmt, wer zu reden hatte und wer nicht. Den Stand­punkt, vom dem aus über Welt und Ge­sell­schaft zu urteilen sei, hatte erst die Kirche, dann der Staat besetzt. Erst die Aufklärung ging daran, einen unabhängigen Ort zu konstruieren und ein Podium zu schaffen, das jenseits der realen Macht stände: der Standpunkt einer allgemein menschlichen Vernunft. Dort wiede­rum galt es eine Figur aufzustellen, für die man das Recht reklamieren durfte, unabhängig von ständischen Kompetenzen, in Berufung auf Ver­nunftgründe, öffentlich zu sprechen – die eigene.
Den Standpunkt der Einsicht in den historischen Prozess und der Kompetenz zum Urteil über den bösen Zustand der herrschenden Ver­hältnisse traute man ja nicht jedem zu. Es war die neue Schicht zunehmend unabhängiger, von Verlagswesen, Theater, Kunstmarkt getragenen Intellektuellen, welche dies, im Bündnis mit dem aufgeklärten Adel, unter sich ausmachen wollte. Erfindung also eines neuen Berufs. Ein Beruf vor und außerhalb aller herrschenden Bin­dungen, in Berufung auf die unhaltbare Ge­gen­wart: der Beruf, die Krise auszurufen.
Die weitreichende Vorgeschichte muss hier nicht interessieren: Es reicht, darauf hinzuweisen, dass die vorangehende Geschichte ausreichend Modelle heroischen Auftretens und schneidenden Widerspruchs bereit hielt, von den altisraelischen Propheten über das Tribunat der Gracchen bis zu Savonarola und Thomas Müntzer. Das thematische Material lag also vor, es musste nur noch zu jener zauberkräftigen Maske montiert werden, welche den Bourgois unsichtbar machte und den Citoyen ausstellte und ermächtigte.
Die heroische Zeit der Kritik ist das 18. Jahr­hun­dert:1 Scharenweise traten Intellektuelle aus ihren ständischen Bindungen heraus, einerseits also neben sich – der Adlige ist plötzlich nur noch Mensch, der aufgeklärte Bürger ihm gleich –, an­dererseits neben den Staat, und ­diagnostizieren die Fäulnis der bestehenden Verhältnisse. Als Intellektuelle waren sie ohnmächtig, mächtig als Erreger einer öffentlichen Meinung, die sich konkurrierend neben die Selbstaussage von Staat und Monarchie setzte.
Dem heroischen folgte das wissenschaftliche Zeitalter der Kritik. Kritik und Krise gingen noch einmal eine sprengende Verbindung ein, die Geschichtsphilosophie wurde Politische Öko­­nomie. Mit einem doppelten Ergebnis: Seit­­dem wusste die linke Kritik, was Kapitalis­mus ist, und gerade dieses Wissen um die unausweichlich kommende Endkrise machte sie blind für tatsächliche historische Entwicklung. Gleichzeitig denunzierte die Kritik sich selbst, insofern kritischer Standpunkt neben der Geschichte: Man habe nicht mehr zu interpretieren, sondern zu handeln, also, aus der kleinbürgerlichen Lage des Intellektuellen auszuwandernd, sich dem auserwählten historischen Subjekt zu unterwerfen, und sich in Zukunft den Subjektivismus der Kritik zu verkneifen.
Auf diesem Altar haben schließlich Intellek­tuelle des 20.Jahrhunderts reihenweise ihre kritische Intelligenz zum Opfer gebracht – im Angesicht einer politischen und wirtschaftli­chen Krisensituation, von der sie vorher hätten wissen können, dass sie intellektuell nicht be­herrsch­bar war. Tatsächlich besaßen sie für diese Krise weder den Schlüssel des Verständnisses noch die Macht zur Entbindung: Hatten sie etwa die Krise ausgerufen? Eher hatte die Krise sie aufgegabelt, einige überlebten es mit An­stand, hunderte andere wurden aus der Bahn ge­­regelter Karrieren geworfen und nicht nur intellektuell, sondern oft auch leibhaftig zerstört.
Ein Grund für soviel intellektuelles Versagen dürfte der Realsozialismus gewesen sein: die Sowjetrepublik als verwirklichte Kritik und siegreich beendete Krise. Das Neue Jerusalem war da, wer dürfte wagen, es zu kritisieren. Aus dem Dualismus von Kritik und Krise war der Dua­lismus konkurrierender politischer Syste­me geworden, Kapitalismus und Sozialismus, Paralleluniversen wie Welt- und Gottesstaat des Aurelius Augustinus. Wer den Realsozialismus kritisierte, spielte er nicht dem kapitalistischen Lager in die Hände? Was nicht ins Schema passte, war der Umstand, dass man sich damit auch zwischen Demokratie und Diktatur zu entscheiden hatte. Kommunismus war demokratisch nicht mehr zu haben. Die Kritik hatte also, um Kapitalismuskritik aus der Perspektive des historischen Siegers sein zu können, gleichzeitig zur Apologetik der Diktatur, mithin der stalinistischen Schauprozesse und Lager zu werden. Von den davon ausgehenden Halbheiten, Win­kelzügen, Unehrlichkeiten, Selbsttäu­schun­gen, kritischen Konkurrenzen, wechselseitigen Ver­dächtigungen und Verleumdungen bis weit in die westlichen Nachkriegskulturen hinein,2 hat sich das kritische Geschäft nie mehr erholt.
Und doch blieb bis heute die Kritik ein begehrtes intellektuelles Gerät. Dies natürlich durch eine grundsätzliche Sicherung, welche für die Bonner Bundesrepublik geradezu verfassungsstiftend und begleitend wurde: den Übertritt erstens in das Gebiet der Kultur, mit den Nährböden Feuilleton und Kunstaka­de­mie, zweitens der universitären Einbindung samt Pensionsberechtigung. Das Monument des Wechsels in die Universität war zweifellos Habermas, für den kulturellen Bereich bietet sich Grass ls Paradigma an. Die Kritik hatte sich also dagegen gesichert, revolutionär zu sein, sie war, da nicht mehr systemgefährdend, vielmehr mehrheitlich begehrt, eine systemnotwendige Unruhe, ohne deren Ticken die Gesellschaft sich allein und unbeobachtet gefühlt hätte.
Wie hätte es auch anders sein können. Die Mündung der politischen und wirtschaftlichen Krise der zwanziger Jahre in die deutsche Kata­strophe bildete den übermächtigen Hinter­grund. Die Kritik konnte vor Krisen da nur warnen, ja ihr innerster Beweggrund, das, was sie antrieb, war Krisenangst. Sie hatte Krisen nicht zu erwarten und auszurufen, sondern zu vermeiden. Was blieb dann? Nur die Warnung vor Rückfällen, vor gefährlich scheinenden und durch sie ex kathedra als gefährlich zu kennzeichnenden Radikalisierungen rechter wie linksextremer Tendenz.
Wo steht die Kritik heute, zwanzig Jahre nach der Vereinigung? Es hat eine Entmischung statt­gefunden. Geist und Gestus haben sich ge­trennt. Wenn der kritische Gestus überhaupt als intellektuelles Vehikel weiterlebt – und er lebt weiter –, dann als Bewegungsmuster nur noch der Kulturszene. Unter Künstlern, Theater­ma­chern, Netzintellektuellen, Nostalgikern der Moderne und Verfechtern des sozialistischen Städtebaus ist es diese gewisse Note eines ge­pflegten Antikapitalismus, welche etwa ge­gen­über der Bundeskulturstiftung empfiehlt und die zu fördern gerade für große Geldgeber schick ist, fällt doch etwas vom scheinbar Ge­wagten identifikatorisch auch den Förderern zu. Politisch dagegen ist dieser Gestus inexistent, selbst und gerade in der kleinen Schar aus der DDR kommender Systemkritiker. Radikale politische Kritik, die der Demokratie, ist tabu, und zur Kritik des Kapitalismus fehlen die ge­eigneten Köpfe. Wenn nicht der Glauben an Marx, dann bleibt nur Andocken an kritische Spurenelemente der jüngeren Wirtschaftswis­senschaft, Keynes, die Tobin-Steuer, ein paar Schumpeter-Zitate.
Dagegen tobt der Gestus kritischer Unbe­dingt­heit außerhalb des Kulturbereichs umso heftiger in der Wirtschaftsdiskussion. Und hier gerade als Kritik der laufenden staatlichen Wirt­schaftspolitik. Das begann in den neunziger Jahren mit der schrillen neoliberalistischen Kri­tik der Wirtschaftsverbände an Modell und Po­litik der Sozialen Marktwirtschaft, während es derzeit einige Wirtschaftswissenschaftler sind, welche die Reformunlust der Regierung im Weltuntergangston geißeln.3 Woher gerade hier die Unbedingtheit des Urteils? Warum toben hier Leidenschaften, die in Religion und Politik ausgestorben sind? Ist dies vielleicht die letzte Zuflucht der Kritik – ein schicksalhaft argu­men­tierender Wirtschaftsdarwinismus, der Wachs­tum um jeden Preis predigt, unter Strafe des Absturzes in die Masse der Verlierer des weltwirtschaftlichen Wettrennens?
Und wo ist dabei die Vernunft geblieben? Sie ist offenbar ganz aus dem Gehäuse der Kritik heraus gefallen, und damit nicht mehr öffentlichkeitsfähig, zumindest nicht mehr medial zu vermitteln und anwesend zu machen. Offenbar hockt sie stumm in den isolierten, vom Medien­rausch umwehten Köpfen. Das bloße Nach­den­ken sagt einem, dass ständiges Wachstum nicht möglich ist, Stetigkeit des Wachstums eine Ausnahme. Mit chinesischen Wachstumsraten mithalten zu wollen, ist absurd – das hieße, noch einmal ganz unten, bei Hunger und Un­ter­ent­wick­lung anfangen zu können, von der De­mo­graphie ganz abgesehen, und es verlangte den Ver­zicht auf De­mo­kratie und soziale Ver­ant­wort­lichkeit.
Die Vernunft sagt weiter, dass sich gleichwohl Grundsätzliches wird ändern müssen. Wir werden uns, wenn nun die anderen ihren Teil vom global möglichen Wachstum an sich nehmen, zurückstecken und damit unsere Ansprüche an wachsenden Konsum ebenso anpassen müssen wie die internen Verteilungsmodi und die ge­sell­schaftlichen Prioritätssetzungen.
Zum Schicksal der Kritik gehört nun aber auch, dass es Personen trifft. Die Gesellschaft hat sie entlassen: Kritik ist vorbei, und seine Ver­nunft mag jeder/jede bei sich behalten. Man muss gut versorgt, z.B. verbeamtet, sein, um sich, als Philosophieprofessor oder Direktor eines zertifizierten Wirtschaftsinstitutes, das Ausrufen von Apokalypsen und die dazu nö­tige Flughöhe leisten zu können. Was tun mit der kleinen Intelligenz, die aus der gesellschaftlichen Form heraus gefallen ist, aber da, wo sie hinfiel, nach wie vor nicht einverstanden ist? Sie wird ja weitermachen, im Unterholz der Kri­sen: im alltäglichen Problemdickicht von Po­li­tik und Verwaltung, Verbänden und Partei­bü­chern, Seilschaften und akademischem Stel­len­geran­gel, Autorenkonkurrenz und Medienzensur, und dort nach Stellschrauben der Veränderung suchen, inmitten einer weitgehenden Vermen­gung und nonchalanten Verwechslung von öf­fentlichen und privaten Zuständigkeiten und Beweggründen, wo privateste Irritationen sich als öffentliche Empörungen vortragen, und Staatsversagen als private Eigenschaft von Poli­ti­kern genommen wird.
Aber man muss auch davon leben können. Freies Denken setzt Selbständigkeit voraus: nicht angestellt, nicht verbeamtet, weder pensionsberechtigt noch auf den Listenplatz einer Partei angewiesen. In der Regel bedeutet das prekäre Einkommen, und je unabhängiger, desto mehr haben Intellektuelle allen Anlass, jegliche Krise zu fürchten – sie wird es, als weiterer Auftragsrückgang, in jedem Fall treffen.
Hat man vielleicht insgeheim dennoch auf die Krise gehofft, damit das, was der kleinen Ver­nunft nicht geglaubt wird, durch die Nemesis der Wirtschaft auf die Tagesordnung gesetzt würde? Wenn, dann aus Resignation, und ohne die überlegene Gewissheit der Kritik. Denn eigentlich hätte einem die eigene Vernunft auch dies sagen sollen: Falls man, weil Einsicht politisch nichts bewirkt, überhaupt auf eine Krise gewartet haben sollte – war es denn wahrscheinlich, dass die Krise, die wir gegenwärtig haben, überhaupt das noch leisten konnte, was man von ihr erwartete?
Kritik der Krise
Spätestens seit dem 15.September 2008, dem Zusammenbruch der Lehman-Bank, hat das Wort Krise wieder eine genaue ökonomische Kon­tur. Es geht nicht um eine Krise der De­mok­ratie, es geht um eine klassische Finanz­kri­se mit vermutlich langfristigen Auswirkungen auf die Realwirtschaft, auf Handel und Indu­strie. Die Finanzkrise scheint fast schon wieder über­wunden, die Auswirkungen in der Real­wirt­schaft – Produktionskürzungen, Schließun­gen, steigende Arbeitslosigkeit – werden für die kommenden Jahre vorausgesagt, mit einer ersten Spitze 2011. Wissen wir aber noch, wo­von wir reden? Können wir die Krise typologisch fassen, haben wir andere Beschreibungs­mittel als die der Krisenliteratur seit den ersten großen Spekulationskrisen der frühen Neuzeit? Hat man eine überzeugende Deutung des aktuellen Zustandes – die Krise von 1929 zeigt, dass nichts schwieriger ist als dies, begann das Desaster von Oktober ‘29 doch unter Versiche­rung, das Schlimmste habe man hinter sich4 –, anders gefragt: Befinden wir uns schon nach oder noch vor der Krise? Ist die Krise nicht mehr das, was sie einmal war, oder haben wir bloß ein Deutungsdefizit, ein kritisch-intellektuelles Versagen?
Die Reaktion der Politik geht offensichtlich von einem eindeutigen Bild der Krise aus. Die Massivität staatlichen Eingreifens, ohne besondere Grundsätze oder gar eine diskutierbare Strategie, nur von dem Gedanken besetzt, einen Dammbruch zu vermeiden, egal wie viel Geld gleich Sandsäcken ausgeworfen werden muss – diese Reaktion will nur sagen: kein neues 1929. Über allem, was getan wird, hängt noch der Schatten des Schwarzen Donnerstag – es war der 24.Oktober –, die Vorstellung also einer Ver­­knüpfung von Börsenpanik, lang andauernder wirtschaftlicher Depression, Massenar­beits­losigkeit und faschistischer Lösung der Krise. Gibt es dafür aber Gründe?
Vergleichen wir erst einmal ein wenig. Die jüngste Finanzkrise, nimmt man sie strukturell, zeigt wenig Neues: Es gab riesige spekulative Finanzwerte, von denen sich an einem be­stimm­ten Punkte zeigte, dass sie realwirtschaftlich nicht gedeckt sind. Das war bei der Amster­damer Tulpenspekulation des 17. Jahrhunderts nicht anders, es trifft auf den Gründerkrach von 1873 ebenso zu wie auf den von 1929. Dabei ist es ziemlich gleichgültig, wer spekuliert, ein Staat oder eine blinde Masse von Börsensüch­tigen, und aus welchen guten oder schlechten Gründen. In jedem Fall sind Zustände nötig, die eine unkontrollierte und verhältnislose Ver­meh­rung der Geldmenge zulassen. Z.B. die Fi­nanz­krise von 1763: Preußen hatte, zum Zweck der Kriegsfinanzierung, über Münz­ver­schlech­terung jahrelang die umlaufende Geldmenge aufgebläht.5 Bei Kriegsende ging die Nachfrage abrupt zurück, und die preußische Geldpolitik setzte umgehend den Münzfuß wieder auf den Vorkriegsstandard, eine Entwertung der Bar­ver­mögen um zwei Drittel. Daraufhin brach, von Amsterdam ausgehend, das europäische Kreditsystem zusammen. In Hamburg fallierten umgehend 95 Handelshäuser, in Frankfurt folgte eine jahrelange Geldkrise,6 in Berlin erreichten die Firmenkonkurse, Händler wie Fabrikanten, ihren Höhepunkt mit 110 Verfah­ren 1767,7 erst ab 1780 ging es wieder bergauf.
Noch bekannter kommt einem die Krise von 1857 vor, anerkanntermaßen die erste Welt­wirt­­schaftskrise: Im Herbst 1857, inmitten einer Hochkonjunktur, die über Jahre zu einer nie da gewesenen Masse umlaufender Waren­ak­zept­kre­dite geführt hatte, brach im mittleren Westen eine kleine Bank zusammen. Im Ok­to­ber wa­ren bereits 1.415 amerikanische Banken in Kon­kurs gegangen, die Krise griff rasch auf London über und traf im Dezember mit voller Wucht die Hamburger Kaufmannschaft. Diese hatte sich auf kreditfinanzierte Warengeschäfte ein­ge­lassen, de­nen nur völlig unzureichende Eigen­­mittel gegenüberstanden, so dass die sich nun häufenden Ausfälle durch Zahlungsun­fähigkeit amerikanischer, englischer und skandinavischer Häuser auch die größten Unter­neh­men überforderte.8 Erst eine Anleihe des österreichischen Staates, nachdem Preußen sich verweigert hatte, gab dem Hamburger Se­nat die Möglichkeit, die vier größten Häuser so zu stützen, so dass der Geschäftsbetrieb wieder in Gang kam. Die Läh­mung von Handel und Industrie dauerte bis 1859 an.
Die Beschreibung der gegenwärtigen Krise kann also nahezu wörtlich aus dem Arsenal histo­rischer Krisen übernommen werden. Die psycho­logischen und institutionellen Umstän­de der Spekulation – Gier, Börse und fantasiefähige assets – wiederholen sich unentwegt und oh­ne irgendeine Aussicht auf Lernfähigkeit. Wenn 1873 auf dem Höhepunkt des Gründer­schwin­dels Aktiengesellschaften gegründet wur­den, nur um durch baldiges Abstoßen der Grün­der­aktien Gewinn zu machen, Banken, lediglich um den Agiogewinn mitzunehmen,9 so nicht anders 1929, als die plötzlich massen­haft auftauchenden Investment Trusts, einmal als Hebel einer wunderbaren Renditesteigerung ent­deckt, schon deshalb gegründet wurden, weil den gründenden Instituten über die bloße Differenz zwischen internen und Börsenprei­sen bei erfolgreicher Veräußerung riesige Ge­winne zufielen.10 Aber was bringt das diagnostisch? Und mehr als Keynes’ zorniges Wort vom Casino-Kapitalismus11 hat auch die derzeitige Beschreibungskultur nicht zu bieten.
Was sich gleichwohl von Krise zu Krise geändert hat, sind die Maßstäbe – für die die Be­schreibung aber keine neuen Wörter hat, sondern nur immer größere Zahlen und den Hin­weis auf immer größere Reichweiten und immer luftiger werdende Spekulationsinstru­men­te. Denn so sehr auch schon zwischen 1763 und 1857 ein Sprung in Größenordnung und kontinentaler Reichweite stattgefunden hatte, waren beide Krisen doch in doppelter Hinsicht begrenzt: So war, zum einen, noch die Krise von 1857 erstaunlich lokal, sie griff von Hamburg zwar auf Handelszentren wie Bremen und Leipzig über, dagegen blieb der Finanzplatz Frankfurt, da auf Staatsanleihen spezialisiert, unberührt, ebenso das auf Getreide, Wein, Ta­bak, Petroleum und Kohlen spezialisierte rheinische System mit seinem Zentrum Mannheim. Breiter gestreut waren erst die Folgen für In­dustrie und Handwerk, da waren dann auch das Ruhrgebiet und Berlin betroffen. Dass jede globale Krise heute einen ganz anderen Tiefgang hat, muss nicht weiter ausgeführt werden.
Zum andern schlugen die älteren Krisen nicht gleich auf breite soziale Schichten durch, weil die Masse wirtschaftlicher Transaktionen noch gar nicht in das große konjunkturelle Gesche­hen einbezogen war, und die untersten Schich­ten ohnehin nichts zu verlieren hatten. Noch die schnelle Bewältigung der Krise von 1857ff. verdankte sich dem Umstand, dass nur eine Ober­schicht direkt getroffen wurde, während das breite Bürgertum in Deutschland noch nicht so weit war, Ersparnisse in Aktien oder An­leihen zu investieren. Das wurde nach 1871 an­ders, mit dem Erfolg des Gründerkrachs, und erst recht fand die jüngste Krise, soweit Fi­nanz­krise, einen ungleich breiter gewordenen Nähr­bo­den vor: ein, mit früheren Jahrhunderten verglichen, wahrlich massenhaft gewordener Wohl­stand, der nach Renditen strebt, wie sie die Real­wirt­schaft nicht liefern kann und so für die spekulativen Geisterfahrten intelligenter Zocker und ihrer luftigen Finanzprodukte anfällig ist.
So wie es jetzt, Oktober, 2009, aussieht, ha­ben wir eine kupierte Krise. Die staatlichen Inter­ventionen waren so massiv, dass die Krise sich gleichsam nicht recht äußern konnte, es hat ihr die ihr eigene Sprache verschlagen, und das macht wohl nicht den kleinsten Teil der herrschenden Ungewissheit aus. So erfahren wir aus dem Gang der Ereignisse mehr über den Zu­stand der Politik als über den der Wirtschafts­lage.
Jenseits von Kritik und Krise
Und was teilt uns die Politik mit auf diesem verschobenen Wege? Sie sagt: Die Demokratie ist nicht wetterfest. Sie würde einer wirklichen Krise nicht standhalten. Also muss der Staat, selbst wenn er damit die nächste Spekulations­bla­se ermöglicht, so viel Geld in das Finanzloch schütten, dass die „Kernschmelze“ des Finanz­systems un­ter­bleibt. Dabei ist es höchst ­un­wahrscheinlich, dass heute die Voraus­set­zun­gen, die ab 1929 zu­mindest in Deutschland zu dem bekannten Er­gebnis führten, heute noch gegeben sind, weder was die sozialen und politischen Voraus­setzun­gen wie das weltwirtschaftliche Umfeld angeht, Ge­schichte wiederholt sich nicht.
Und das zeigt sich ja auch: Eine Krise wird heute nicht mehr wirtschaftlich, sondern politisch behandelt, als wäre sie mehr Staats- als Wirt­schaftskrise. Dazu steht nur scheinbar in Wi­der­spruch, dass außer einigen wirt­schafts­fördern­den Maßnahmen, grenzsetzendes politi­sches Han­deln offenbar nicht mehr möglich ist. Spezifisch ordnungspolitische Maßnahmen werden zwar von Kritikern gefordert – Er­rich­tung einer Welt­fi­nanzaufsicht, Verschär­fung der na­tio­nalen Bank­aufsicht, eine staatliche Zu­las­sungs­behörde für neue Finanzinstrumente, Ver­pflich­tung der Banken zu erheblich höheren Eigen­mitteln –, eine an die Wurzel gehende Un­terbindung der Geldschöpfung durch die Ban­ken wird immerhin in kleinen Zirkeln dis­ku­tiert.12 Politisch ist es bisher aber, durchaus fol­gerichtig, international bei Versprechungen geblieben.
Folgerichtig auch deshalb, weil man ja die Folgen weit genug in die Zukunft geschoben hat. Was natürlich auch heißt: ins Unkal­kulier­ba­re. Die Stützungsmilliarden – da es um Buch­geld geht, eine staatlich induzierte Inflation wie zu Kriegszeiten – dürften früher oder später zu einer die Rechnung begleichenden Geldent­wer­tung führen, und damit dann wohl doch zu politischen Verwerfungen. So wie demnächst im Kleinen die aufgeschobene Überproduk­tions­krise in der Automobilindustrie.
Ich schließe daraus: Wer so handelt, hat, entgegen dem Anschein eines wieder die Führung übernehmenden Staates, die Differenz von Staat und Wirtschaft aufgegeben. Der Staat regrediert auf die Rolle eines die Abstürze abfedernden Zusatzinstruments, er wird gleichsam zum Air­bag der Wirtschaft. Kurzum, wir haben den Kurz­schluss von politischer Kritik und wirt­schaft­licher Krise, zugunsten von organisierter Unentschiedenheit.
Gut, das ist der Stand der Krise – und wie geht es der Kritik, bzw., bei den Personen angefragt, Sie und ich, wie fühlt sich da die intellektuelle Seele? Ist sie, um den Gotteszorn der Krise gebracht, enttäuscht? Fühlt sie sich, zu keinem weltumstürzenden Auftritt mehr genötigt, entlastet? Anders gefragt: Ist die historisch eingetretene Einsparung von Kritik und Krise auch schon ganz im intellektuellen Bewusstsein an­gekommen?

Anmerkungen
1 Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt (1959), Frank­furt/M 1973
2 Ein schön die intellektuelle Schmerzgrenze ausmessendes Beispiel ist das Intrigennest Kritische Theorie, siehe etwa: Tilmann Lahme, Golo Mann. Biographie, Frankfurt/M 2009, …
3 So Hans-Werner Sinn, Ist Deutschland noch zu retten?, München 2003
4 Kenneth Gailbraith, Der große Krach 1929, deutsch Stuttgart 1963, 1445ff.
5 Genaue Zahlen bei: Heinrich Schnee, Die Hof­fi­nanz und der moderne Staat, Bd.1: Die Institution des Hoffaktorentums in Brandenburg-Preußen, Ber­lin (West) 1953, 127
6 Carl-Ludwig Holtfrerich, Finanzplatz Frankfurt. Von der mittelalterlichen Messestadt zum europä­ischen Bankenzentrum, 95
7 Ingrid Mittenzwei, Friedrich II. von Preußen. Eine Biographie, Berlin (DDR) 1987, 144; Helga Schultz, Berlin 1650-1800. Sozialgeschichte einer Residenz, Berlin (DDR) 1987, 170f.
8 Helmut Böhme, Frankfurt und Hamburg. Des deutschen Reiches Silber- und Goldloch und die allerenglischste Stadt des Kontinents, Frankfurt 1968, 246ff.
9 Fritz Seidenzahl, Hundert Jahre Deutsche Bank. 1870-1970, Frankfurt 1970, 33
10 Vgl. bei Gailbraith das Kapitel über Goldman Sachs, aaO., 78ff.
11 Der entsprechende Satz lautet:„When the capital development of a country becomes a by-product of the activities of a casino, the job is likely to be ill-do­ne.“ (John Maynard Keynes, The General Theory of Employment, Interest and Money (1936), Lon­don/­Melbourne/Toronto 1967, 159
12 Joseph Huber, Geld regiert die Welt. Wer regiert das Geld?, in: Ästhetik und Kommunikation 144/45, 1/2/2009, 35-43; mit gleicher Argumentation, doch in entgegengesetzter Fahrtrichtung: Thorsten Polleit/­Michael von Prollius,/FrankSchäffler/Norbert Tofall, Überwindung der Krise durch gutes Geld, in: FAZ v.5.6.2009, S.12

Dieter Hoffmann-Axthelm
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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