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Editorial Heft 146

Heft 146: „Tanz, Mensch, tanz“Heft 146 40. Jahrgang 40. Jahrgang 2009/10 11 €


„Tanz, Mensch, tanz“

Inhaltsverzeichnis

„Tanz, Mensch, tanz“

Seit alters her tanzt der Mensch. In rituellen Formen, zur Repräsentation von Macht und Gesellschaft, zu Fest, Feier und Spiel, in festen Regelabläufen des Paar- und Gruppentanzes, in künstlerischen Produktionen und Choreo­gra­phien, aus Bewegungslust und zur Körper­freude. Im Tanz zeigt sich das Körperliche unmittelbar. Wer tanzt, übt Sittendienst aus: den der lockenden Verführung des Teufels und obszöner Ekstase oder den des heiligen Got­tes­dienstes. Das Sakrale und Diabolische gehen im Tanz einen körperlichen Widerstreit ein, der lange Zeit die soziale und politische Funktion des Tanzes bestimmte. Heute scheint diese Herkunft aufgehoben. Man tanzt, wo, wie und wann es einem gefällt. Die Ordnungs- und Regelmacht des Tanzes ist aufgelöst; man tanzt ohne Anstrengung und Gefahr, mal konform und mal aus der Reihe. Das gilt für Individuen und soziale Gruppen gleichermaßen. Jedenfalls in den westlichen kulturellen Sphären.
Eine Sehnsucht nach Tanz geht um, unmerklich, doch stetig nimmt sie zu. Da entsteht keine massenbewegte Revolte, sondern eher eine stille Neuorientierung. Nach nahezu drei Jahr­zehn­ten vergeblicher Mühen, den verlorenen Körper durch gezielte Körperarbeit wiederzugewinnen, gibt es nicht wenige, die nicht länger den abgetrennten Körper bearbeiten, seine In­stru­mentalisierung und Zerlegung in Einzelteile hinnehmen wollen. Man will den Körper zum Zweck der Perfektionierung nicht mehr aufgeteilt sehen zwischen Fitness-Studio, Gesund­heits­kurs, Esoterik-Gruppe, Performanz­trai­ning, Kommunikations- und Kompe­tenz-Work­shops, ergometrischen Übungen usf.; man möchte nicht mehr besessen sein von seiner Dauer­an­schließung an den Computer und andere Ar­beits­maschinen, von i-phonebetäubten Ohren, von sexverstopften Sinnen. Man will den Kör­per aus seiner zweckbestimmten Zerlegung und Kasernierung befreien – und letztendlich sich selbst. Das drückt diese Sehnsucht nach Tanz aus: Der Körper soll dem Menschen wieder zweckfrei gehören. Kein ‚embodyment’ mehr.
Diese Sehnsucht zum Tanz ist bereits umgeschlagen in eine allgemeine gesellschaftliche Auf­merksamkeit, die zum Tanz auffordert: Jung und alt gehen wieder gerne und viel in Tanzschulen oder gründen private Tanzzirkel; in den Clubs wird heiß und kalt getanzt; in die schulische Bildung zieht der Tanz zur Stärkung der ästhetischen Erziehung ein, und an den Universitäten hat sich inzwischen eine Tanz­wissenschaft etabliert; in den Künsten werden mit performativen Tanzformen traditionelle Grenzen überschritten, sogar die Berliner Phil­har­moniker spielen für Schüler zum Tanz auf; durch Netzverabredungen werden Tanz­events wie flash-mobs global initiiert und fin­den großen Zulauf.
„Tanz, Mensch, tanz“ nimmt diese Auffor­de­rung zum Tanz an, indem in unterschiedlichen Zugängen das neue Interesse am Tanz zur Spra­che kommt:
Eine Fragestellung beschäftigt sich mit der äs­thetischen Eigenart des Tanzes und den Be­son­der­heiten des Choreographischen. Dass der Tanz ein Körpergedächtnis herzustellen ver­mag, ist für Gerald Siegmund Anlass, dessen un­­ter­schätzte ästhetische und politische Po­ten­tia­le herauszuarbeiten und dieses Vermögen als ein­greifendes, lebendiges Archiv des Ge­sell­schaft­lichen zu würdigen. Sandra Noeth entdeckt an ausgewählten Beispielen des zeitgenössischen Tanzes die ethischen Dimensionen des Ästhe­tischen. Gabriele Klein fragt nach dem Tanz im öffentlichen Raum, den sie in ein Konzept der sozialen Choreographie fasst, in dem das Ästhetische in sozialen Figurationen zentral gesehen wird. Zukünftig, so Martina Leeker, wird der Mensch – und mit ihm auch Tanz im öffentlichen Raum – in kybernetischen Model­len verschwinden, eine These, die sie an Hand der Verbindung der Tanzforschungen Wayne McGregors mit der Kognitionswissenschaft entwickelt. Während Andreas Galling-Stiehler damit spielt, wer heute und warum im öffentlichen Raum die „versteinerten Verhältnissen zum Tanzen bringen“ will (Marx), feiert Hermann Pfütze in seinen essayistischen Überlegungen den Tanz als eine Kunst der Bewegungsfreiheit, die „nicht nur eine unzerlegbare, sondern ansteckende Erfahrung von der Ich-Herrschaft“ ermöglicht. Anstrengung und Zauber einer Kunst der Bewegungsfreiheit zeigt der Bilder-Artikel von Dieter Mammel: Menschen, wie sie sich bewegen und was sie bewegt.
Thematisch singulär, wie der Tod selbst, er­scheint der Text von Ilse Bindseil zum To­ten­tanz. Wir kennen den Totentanz allein medial: Niemand hat je die Toten tanzen sehen, doch die Menschheit hat ihren Tanz Jahrhunderte lang in Bildern, Geschichten und Legenden, wie im ‚Lübecker Totentanz’, festgehalten, dem Menschen zum Schrecken und zum Trost, und auf diese Weise ein Übergangsritual entwickelt, das auch, so zeigt es die Autorin, für uns heute eine existentiell rituelle Bedeutung haben kann. Auf eine gegenwärtige Verbindung von Tanz und Medien gehen zwei weitere Beiträge ein. Sabine Nessel differenziert, auf welche Weise und in welcher Vielfalt heute Tanz im europäischen Autorenkino zu sehen ist. Claudia Rosinys Beitrag schildert Manipulation und Ernied­ri­gung durch Tanz in der Reality Show im TV.
Wie alle Künste ist Tanz Übertragung, Über­setzung, ja Umsetzung und bedarf selbst der Interpretation und Vermittlung. Tanz ist Nicht-Spre­chen, genauer, es spricht der Körper. Seine Spra­che verlangt nach phonetischer oder lesbarer Übersetzung. Wie soll man über Bühnen­tanz, diese künstlerische Bewegung, sprechen? Wie bei jeder anderen Berichterstattung auch, sagt die Tanzkritikerin Gabriele Wittmann und verlangt: beschreiben an Stelle von behaupten und belegt mit ihrem Text zugleich exemplarisch, wie es gehen könnte, über Tanz im Radio zu sprechen. Wissenschaft in Tanz zu transformieren, das ist dagegen eine ganz andere Form der Übertragung und Übersetzung. Kann man naturwissenschaftliche Doktorarbeiten tanzen? Zu dieser überraschenden Frage äußern sich Silke Bellanger und Miriam Sach und erklären, wie es gemacht wurde.
Eine andere Reihe von Beiträgen beschreibt eine kleine Auswahl der vielfältigen und höchst verschiedenartigen Tanzfelder und Tanzszenen konkret und fragt nach Interessen und Motiven der Tanzenden. Deutlich wird, welche mannigfaltigen Hoffnungen in den Tanz gesetzt sind und wie unterschiedlich sie rezipiert und praktisch umgesetzt werden (das Ä&K-Interview mit lis-: sanga; Thomas Rieser, Melanie Haller; Anne Fleig; Jan Schimmang).
„Tanz, Mensch, tanz“ ist eine Aufforderung, die aufmunternd und Lust machend spricht, jedoch mit einem imperativen Gestus daherkommt. Wer zum Tanz aufgefordert wird, sagt der Volksmund, soll sich nicht lange bitten lassen, oder er wird sitzen bleiben. Aber soll man auch einer noch so fröhlichen Aufforderung blindlings Folge leisten? Lässt sich jedem Tanz und Tanzboden trauen? Unser Hefttitel spielt mit diesem Widerspruch. Nicht zuletzt in diesem Sinn haben wir die vorgelegten Texte hier versammelt.

Jörg Richard
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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